Neapels Stürmer Insigne Feine Füße am Vesuv

Flink, gewitzt und kleiner als Messi: Neapels Lorenzo Insigne.

(Foto: Éric Gaillard/Reuters)

Beim SSC Neapel soll Lorenzo Insigne als neuer Volksheld für Tore sorgen - und zugleich die Revanche gegen den reichen Norden herbeizaubern.

Von Birgit Schönau, Rom

Bei allem Theater um die verrückten Transfers der europäischen Großklubs geht in diesem Sommer die gute alte Fußballprovinz ein wenig unter. Zu Letzterer gehören Nizza und Neapel - Nizza nach dem krachenden Scheitern in der Champions-League-Qualifikation ein wenig mehr. Der SSC Neapel siegte in Frankreich so wie zuvor schon zu Hause glasklar 2:0 (Tore von José Maria Callejón und Lorenzo Insigne) und beendete die Pechsträhne italienischer Klubs, die in den vergangenen sieben Jahren nur eine Qualifikation für die Königsklasse erreicht hatten. Diesmal sind sie also zu dritt: Juventus Turin, AS Rom und Napoli. Nizza darf mit dem ziemlich abgehalfterten Spieler-Trio Mario Balotelli, Wesley Sneijder und Dante in der Europa League antreten. Ein Terrain, das Lucien Favre als einem der gewieftesten Provinztrainer Europas entgegenkommt.

Doch Napoli träumt immer eine Nummer größer und startet auch in diese Saison mit den kühnsten Ambitionen. In der Champions League würde man sich zwar schon mit dem Viertelfinale zufriedengeben, da zählt in erster Linie das Überwintern, denn das bringt Geld. Aber in der Meisterschaft soll endlich der Erzrivale Juve ausgestochen werden, der den siebten Titel in Serie anstrebt. Juventus ist unter dem Vesuv derart verhasst, dass nach der 1:4-Niederlage der Turiner im Champions-League-Finale gegen Real Madrid in Neapel Freuden-Feuerwerke entzündet wurden. Immer noch besser, Cristiano Ronaldo gewinnt den Ohrenpokal als Gonzalo Higuain, der vor einem Sommer von Neapel nach Turin gezogen war und seither ungeachtet der hübschen Transfersumme von 90 Millionen Euro als gemeiner Verräter verachtet wird. Dass 36 Saisontore des Argentiniers nicht ausreichten, um Neapel den seit 1990 entbehrten Titel einzubringen, wird jetzt dem Spieler angelastet.

In den letzten Jahren verließen die Besten Neapel stets in Richtung Norden. Ezequiel Lavezzi und Edinson Cavani zogen weiter zu Paris St. Germain (Lavezzi spielt inzwischen in China), Higuain heuerte in Turin an. Mit dem konsequenten Verkauf seiner größten Talente brachte Klubpräsident Aurelio De Laurentiis, ein Neffe des Filmproduzenten Dino, zwar die Fans gegen sich auf, sorgte aber auch dafür, dass der SSC schwarze Zahlen schreibt. De Laurentiis neigt durchaus zur Exzentrik - seine Wutausbrüche gegen Schiedsrichter und andere Gegner sind in Italien Legende -, aber nicht zur Prasserei. In diesem Jahr kann er es sich erstmals leisten, nicht zu verkaufen. Stattdessen erhöhte der sparsame De Laurentiis seinen wichtigsten Spielern das Gehalt. Lorenzo Insigne und Dries Mertens verdienen jetzt jeweils rund neun Millionen Euro brutto - das bedeutet etwa 14 Prozent vom Jahresumsatz.

Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Sieg gegen Nizza vorgeplant war. Tatsächlich traf der Belgier Mertens im Hinspiel, in Frankreich vollzog dann Insigne den Siegtreffer. Der 26-jährige Insigne ist im nach Idolen lechzenden Neapel zum neuen Volkshelden aufgestiegen. "Neben seinen feinen Füßen hat er auch noch einen feinen Kopf", umschmeichelt ihn Präsident De Laurentiis, der genau weiß, was der Profi und seine Tifosi hören wollen. Der Angreifer, mit nur 163 cm Körpergröße deutlich kleiner als Lionel Messi, verkörpert geradezu idealtypisch jene Napoletanità, die jüngst 50 000 Fans ins Südtiroler Sommerlager des Klubs getrieben hat: Der Fußball soll Neapel endlich wieder nach oben bringen und die rivincita, die Revanche, gegen den wirtschaftlich erfolgreichen Norden herbeizaubern. Ganz so, als könne ein Meistertitel einer ganzen Stadt den Aufschwung bescheren. Es sind Träume, die viel darüber aussagen, wie abgehängt Neapel wirklich vom Rest Italiens ist.

Immerhin steht die Familie Insigne beispielhaft für sozialen Aufstieg durch den Sport: Drei Brüder hat Lorenzo, alle sind Profifußballer, wenn auch nicht so erfolgreich wie er. Die Insignes stammen aus Frattamaggiore, einem Ort an Neapels nördlicher Peripherie. Es handelt sich, vornehm ausgedrückt, um eine schwierige Gegend, in der die Mafia-Organisation Camorra ein wichtiger Arbeitgeber ist. Lorenzo Insigne aber machte seinen Weg beim SSC Neapel, wo er seit seinem 15. Lebensjahr spielt. Mit 21 war er schon verheiratet, inzwischen ist er Vater zweier Söhne und Nationalspieler. Der flinke, gewitzte Insigne hat angeblich Angebote aus dem europäischen Fußballadel abgelehnt - sein Agent Mino Raiola, dessen Familie ebenfalls aus der Gegend um Neapel stammt, ist Spezialist für die Streuung solcher Gerüchte. Doch De Laurentiis denkt nicht daran, diesen Neapolitaner ziehen zu lassen. Zu wichtig ist er für das Team von Trainer Maurizio Sarri und dessen perlenden Angriffsfußball, unentbehrlich für den Schulterschluss zwischen Verein und Fans.

Dafür, dass die Erfolgsstory von Napoli und Insigne endlich mit einem Titel belohnt wird, scheinen die Chancen in dieser Saison ganz gut zu stehen. Nach dem zweiten verlorenen Champions-League-Finale binnen drei Jahren und dem Wegzug der Abwehrsäule Leonardo Bonucci muss sich Juventus erst wieder berappeln. In Neapel hingegen blieb alles beim Alten, die Mannschaft erscheint selbstbewusst, solide und zielstrebig. Mit einem 3:1-Sieg in Verona startete sie in die neue Saison. Juventus gewann zu Hause 3:0 gegen Cagliari. Das Nord-Süd-Duell kann also in die nächste Runde gehen.