Zuschauer in 150 Ländern, eine rasche Überwindung der Mini-Krise und ein bisschen gespielte Ignoranz: Diego Maradonas Debüt als Nationaltrainer.
Babak Rafati, der vierte Offizielle, reckte eine Tafel mit einer roten "3" in die Höhe, dann ging das Spiel los. Aus beiden Kurven des spärlich besuchten Hampden Park rannten Leute mit Fotokameras und Mobiltelefonen los, um rechtzeitig zum Schlusspfiff in der Nähe von IHM zu sein. Die Partie lief zwar noch; die Mannschaften mühten sich jedoch nur in einer Art und Weise, die den Eindruck erweckte, sie wollten beide das 1:0 über die Zeit retten. Als es geschafft war, gönnte sich der neue Nationaltrainer Argentiniens eine gänzlich irdische Jubelgeste mit der linken Hand. Er umarmte Gabriel Heinze an der Seitenlinie, verabschiedete sich artig von Schottlands Coach George Burley und ging sofort in die Kabine. Der 48-Jährige schien leicht zu humpeln. Vielleicht war die Trainingshose nicht kurz genug.
Diego Maradona als Nationaltrainer: Keine großen Gesten. (© Foto: afp)
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Zuschauer in 150 Ländern wollten am Mittwochabend Diego Maradona sehen, den von der WM in Deutschland bekannten Tribünen-Hedonisten und Party-Patrioten, den ehemaligen Weltklasse-Fußballer. Eine Legende außer Rand und Band auf der Bank - das versprach Spektakel. Die Voyeure wurden enttäuscht. Der Mann, der zum ersten Mal für die Albiceleste verantwortlich war - zufällig in jenem Stadion, in dem er 1979 als 18-Jähriger sein erstes Länderspieltor geschossen hatte -, war entschlossen, nur noch Diego Maradona zu sein: ein demonstrativ ernsthafter Nationaltrainer.
Ein eigens aus Frankreich angereister Radioreporter, der den argentinischen Coaching-Bereich von der Pressetribüne aus nicht einsehen konnte, fragte seine Sitznachbarn während der 90 Minuten immer wieder verzweifelt, was Maradona mache. Maradona machte: fast nichts. Staatsmännisch ungerührt hatte er der Nationalhymne zugehört und den fein herausgespielten Treffer von Maxi Rodríguez (8. Minute) vernommen. Starr verweilte er noch lange nach dem Schlusspfiff, als er leise immerhin ein bisschen Pathos in die Veranstaltung trug. "Die Spieler waren heute eine Einheit. Echte Männer auf dem Platz, die bereit waren, für das Trikot zu sterben", sagte er.
Die Kunst Haltung zu bewahren
Die nach acht sieglosen Spielen in Serie völlig verunsicherten Südamerikaner brauchten einen Chef, der aussah, als ob er alle Antworten kennt und zu jeder Zeit seine Fassung bewahrt. Sie bekamen ihn. Ob Maradona seine erstaunliche Ruhe nur geschickt vortäuschte, war dabei unerheblich. Wer schon einmal in einer leitenden Funktion aufgetreten ist, weiß, dass ein Großteil der Autorität nicht mehr als Schauspiel und Projektion ist. Der Rest kommt später.
"Ich habe die ganze Woche hundert Prozent dafür gegeben, die Moral der Spieler wiederherzustellen", sagte Maradona, "und ich habe es geschafft, ihnen die Angst vor der Niederlage zu nehmen." Besonders in der starken Anfangsphase wirkten die Gäste wie befreit; auch ohne die Stars Lionel Messi, Sergio Agüero und Román Riquelme war Argentinien "technisch eine Klasse besser" (Maradona). Nur ein paar unfreundschaftliche Tritte der ersatzgeschwächten Schotten verhinderten mehr Tore.
Argentinien offenbarte in Glasgow auch einige Schwächen. Innenverteidiger Martin Demichelis zum Beispiel war gegen unbedarfte Gegenspieler mal wieder weit von der Weltklasse entfernt, die ihm seine Münchner Arbeitgeber gelegentlich andichten. Die aufmunternden Worte des neuerdings hochseriösen und sogar pünktlichen Übervaters beendeten jedoch die "Mini-Krise" (Maradona). Team und Coach scheinen positiv aufeinander zu wirken. Der Weltmeister von 1986 wäre nicht der erste Trainer, der in der Arbeit an der Spieler-Psyche sein eigenes Seelenheil wieder findet. "Ich musste an Giannina und ihr Baby denken, aber die Jungs haben es einfach für mich gemacht", sagte Maradona mit brüchiger Stimme. Noch in der Nacht flog er zurück nach Madrid, um bei seiner Tochter und dem designierten Schwiegersohn Agüero zu sein. In der Schwangerschaft sind Komplikationen aufgetreten.
Einmal lachte er noch, "zum ersten Mal seit zwei Tagen", wie er sagte, als ihn ein Reporter auf Schottlands Assistenzcoach Terry Butcher ansprach - jenen Butcher, der 1986 im WM-Viertelfinale mit England gegen Argentinien verlor. Vor dem Spiel hatte der 49-Jährige gesagt, er bereue, Maradona nach seinem betrügerischen Handspiel in Mexiko nicht verprügelt zu haben und einen versöhnlichen Handschlag ausgeschlossen. "Wer ist Butcher?", fragte Maradona mit gespielter Ignoranz und ließ den Gegner von einst in seinem Zorn zurück. Butcher ist ein Mann der Vergangenheit, Maradona nun nicht mehr.
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(SZ vom 21.11.2008/agfa)
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ich wünsche ihme dass er die Kurve kriegt, so ein begnadeter Fussballse