Nationalmannschaft Werner hat, was andere nicht haben

Von Martin Schneider, Sotschi

Timo Werner ist es gewohnt, Dinge früher zu erreichen als andere. Niemand war bei seinem 100. Bundesligaspiel jünger, niemand erzielte so jung einen Doppelpack in der höchsten deutschen Spielklasse. Beim Titel des jüngsten Torschützen der Bundesliga-Geschichte musste er sich nur knapp Nuri Sahin und Julian Draxler geschlagen geben. Insofern ist es erstaunlich, dass der Stürmer ein für Timo-Werner-Maßstäbe fast biblisches Sportleralter von 21 Jahren und drei Monaten erreichen musste, ehe er jetzt sein erstes Länderspieltor schoss. Ein Kopfballtreffer war es am Sonntag gegen Kamerun zum zwischenzeitlichen 2:0. Flanke Joshua Kimmich, Werner sprintet nach vorne, der Ball ist ein bisschen zu kurz, springt vor ihm auf, aber Werner trifft die ungewöhnliche, aber richtige Entscheidung und wirft sich mit dem Kopf nach unten wie im Freibad in den Ball. Ein Willens- und Instinkttor.

Seinen zweiten Treffer zog der Leipziger Angreifer dann mit dem rechten Fuß ins lange Eck, nach einer passgenauen Vorlage von Benjamin Henrichs. Endstand 3:1, die DFB-Elf steht im Halbfinale des Confed Cups. Und weil der Fußball-Weltverband einen Doppeltorschützen gern zum wichtigsten Spieler der Partie wählt, saß Werner danach auf einer speziellen Pressekonferenz und durfte über seine ersten Treffer im Nationaltrikot reden. "Ein schönes Gefühl für mich, mein erstes Länderspieltor zu machen", befand Werner. Vor allem, weil es vor seinen Toren Situationen gab, die nicht so liefen, wie er sich das vorgestellt habe. Einmal versuchte er, den Ball an Kameruns Torwart Ondoa vorbeizuspitzeln und blieb hängen, kurz nach der Pause stand er in guter Position im Strafraum und verzog, in der ersten Hälfte war er zudem immer wieder mal im Abseits gestanden.

Werner wieselt Kamerun davon

Der Angreifer antwortet mit Toren auf laute Debatten. Marc-André ter Stegen sieht einmal gut aus und einmal nicht. Zwei Schalker Ex-Junioren produzieren ein feines Tor. Die DFB-Elf in der Einzelkritik. mehr ...

Werner hatte es in diesem Spiel auch schwer. Er musste viele Wege gehen, holte sich oft den Ball selbst hinten ab, weil er mit seinen 1,80 Meter gegen die Abwehrschränke aus Kamerun im Kopfball keine Chance gehabt hätte. Aber es war sein erster Startelf-Einsatz beim Confed Cup in Russland, und Werner war anzusehen, dass es ihn wurmte, dass er zuvor im wichtigen Gruppenspiel gegen Chile keine Spielminute bekommen hatte. Schon nach seiner Einwechslung gegen Australien wirbelte er über das Spielfeld, versuchte mit allen Mitteln, die einem Reserve-Spieler in der kurzen Zeit zur Verfügung stehen, auf sich aufmerksam zu machen, sprintete einmal über 30 Meter, nur um einen Australier noch an der Eckfahne anzulaufen.

Timo Werner hat zwei herausstechende Eigenschaften. Da ist zum einen seine Schnelligkeit, die er sich mit Läufen in den Weinbergen seiner Heimatstadt Stuttgart antrainiert hat. Er rennt die 30 Meter nach eigener Aussage in 3,7 Sekunden - und wäre damit schneller als Usain Bolt bei seinem Weltrekord, wenn er das Tempo über die gesamte 100-Meter-Strecke halten könnte. Werner bringt dabei auch noch die Technik mit, bei dieser Geschwindigkeit den Ball zu verarbeiten. Und da ist zum anderen dieser unbedingte Wille zum Abschluss, dieser spürbare Ehrgeiz, diese Giftigkeit, die dazu führt, dass ihn manche Beobachter mit dem frühen Rudi Völler vergleichen. Und die bei Werner so extrem ist, dass sie wie im Fall seiner Schwalbe gegen Schalke auch in Unsportlichkeit umschlagen kann.

Wenn Timo Werner nach Spielen spricht, dann kommt bei ihm oft ein gewisser Trotz durch, den man so auch von Mario Götze zu seiner Bayern-Zeit kannte. Als ihn die deutschen Fans in Nürnberg bei seiner Einwechslung im Spiel gegen San Marino in Erinnerung an seine vieldiskutierte Schwalbe auspfiffen, bezeichnete er das als "frech". In einem Interview mit der Bild am Sonntag sagte er vor dem Kamerun-Spiel: "Ich fahre irgendwohin, werde ausgepfiffen, aber ich mache ein Tor und wir gewinnen 1:0. Das ist dann Genugtuung genug. Kobe Bryant wurde auch überall ausgepfiffen und war immer der Beste." Dann ergänzte er: "Damit will ich nicht sagen, dass ich der Beste bin."