"Diese Fülle an Talenten sehe ich so nicht", sagt er. Dann macht er eine kleine Pause, lauscht seinem Satz hinterher und präzisiert ihn ein bisschen. Er will nicht missverstanden werden, niemand soll meinen, er würde den verbandseigenen Nachwuchs kleinreden. "Ich gebe zu, ich habe sehr, sehr hohe Ansprüche", sagt Löw dann, "aber bei den jungen Spielern ist es meine Aufgabe, zu prüfen, ob sie auch auf höchstem Niveau eine entscheidende Rolle spielen können". Gute Bundesligaspiele seien "da eben nicht die einzige Meßlatte". Löw nimmt sich die Freiheit, abzuwarten, welche der Großbegabungen stagnieren und welche sich nicht aufhalten lassen.

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Mit dem 22-jährigen Dortmunder Kevin Großkreutz stößt ein weiterer junger Spieler in den Kader der A-Nationalmannschaft vor. (© dpa)

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Angriff der Bender-Zwillinge

Es gibt einige, denen Löw es zutraut, auch mal gegen Argentinien oder Spanien eine Hilfe zu sein, neben Großkreutz, Götze und den Mainzern nennt er Marco Reus, den BVB-Verteidiger Mats Hummels, Leverkusens Defensivspieler Stefan Reinartz und die Bender-Zwillinge. Dies ist die Aufgabe, die sich Löw bis zur EM 2012 gestellt hat: Er will seine WM-Elf unter Wettbewerbsbedingungen reifen lassen, und zum Reifeprozess zählt auch, dass er seine jungen Stammspieler mit den Angriffen der nächstjüngeren Generation konfrontiert.

Am liebsten wäre ihm eine ständige Konkurrenzlage wie auf der Doppel-Sechs, wo Ballack/Frings einst von Hitzlsperger/Rolfes attackiert wurden, die dann vom noch jüngeren Khedira überholt wurden, der seinen Platz nun gegen die noch, noch jüngeren Benders verteidigen muss. "Das muss das Ziel eines Landes wie Deutschland sein", sagt Löw, "dass aus jedem Jahrgang Spieler nachkommen, die die Platzhalter bedrängen".

So weit ist es noch lange nicht, weshalb Löw nichts dagegen hat, wenn sich ausnahmsweise auch ältere Spieler in den Verdrängungswettbewerb einmischen. "Ich will Konkurrenzkampf!", sagt Löw. Vehement widerspricht er den Vorwürfen, er habe Michael Ballack schon abgeschrieben. Es ist nicht sein Plan, diese Personalie so lange auszusitzen, bis sie sich von selbst erledigt. Löws Plan ist: Abzuwarten, ob Ballack sich wieder jenem Spieler annähert, der er einmal war. "Das nächste Turnier ist 2012, da kann niemand verlangen, dass ich jetzt schon endgültige Entscheidungen treffe", sagt Löw, "wenn ich der Meinung wäre, Michael könnte uns nicht mehr helfen, hätte ich ihm das längst gesagt. Das ist aber nicht so."

Keine endgültige Entscheidung

So war es einst bei Torsten Frings, dem er - als er sicher war, ihn nicht mehr zu brauchen - in Bremen persönlich die unfrohe Botschaft überbrachte. "Sobald ich eine endgültige Entscheidung getroffen habe, informiere ich den Spieler", sagt Löw.

Vorerst aber wird Löw sich alle Optionen offen halten, "alles andere wäre fahrlässig", sagt er. Der älteren Option traut er dabei durchaus noch etwas zu. "Michael hat die Erfahrung und Klasse", sagt Joachim Löw, "er wird um seinen Platz kämpfen".

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(SZ vom 02.10.2010/dabi)