Von Christof Kneer

Wer wird die Nummer 1 im deutschen Tor, wenn Lehmann nach der Euro 2008 seinen Platz räumt? Robert Enke ist seit Jahren der Favorit bei Männern, die es eigentlich wissen müssten.

Als Robert Enke nach seinem ersten Besuch bei der Nationalelf wieder nach Hause aufbrach, saß er im Flieger neben Paulo Rink. Sie haben über die letzten drei Länderspiele geredet, das 0:4 gegen Brasilien, das 0:2 gegen die USA und das 2:0 gegen Neuseeland, und bestimmt haben sie auch über die Mitspieler gesprochen, über Lothar Matthäus, Heiko Gerber und Ronald Maul.

Robert Enke

Mit 29 Jahren eine Hoffnung für die Zukunft: Torwart Robert Enke. (© Foto: dpa)

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Beim Zwischenstopp in Madrid haben sie sich getrennt, und wohin Rink von dort aus gereist ist, hat Enke vergessen. Wohin er selbst von Madrid aus flog, weiß er natürlich noch: nach Hause, nach Lissabon. Er war 21 damals und spielte bei Benfica.

Der Torwart Robert Enke ist schon einmal Nationalspieler gewesen, ein bisschen jedenfalls. Er selbst würde das eher nicht so sehen, er fände es einen Etikettenschwindel, sich "Nationalspieler" zu nennen, nur weil man dreimal auf der Bank gesessen hat.

Und natürlich legt er auch keinen gesteigerten Wert darauf, mit jener Elf in Verbindung gebracht zu werden, die ungefähr das Gegenteil der heutigen Elf war. Jene Notmannschaft, die unter dem Trainer Ribbeck den Confederation Cup 1999 in Mexiko bestritt, gilt bis heute als das Grauen persönlich.

"Keine Degradierung"

Robert Enke ist also ein Zeitzeuge, einerseits, und andererseits ein Neuling. Er ist jetzt 29, spielt für Hannover 96 und wird am Mittwoch sein erstes Länderspiel bestreiten - anders als zunächst kolportiert, wird er 90 Minuten lang halten dürfen und sich nicht mit dem Stuttgarter Hildebrand abwechseln.

"Timo hat schon gegen Georgien und Zypern gespielt. Robert hat sich einen Einsatz über die volle Distanz verdient", begründete Torwarttrainer Andreas Köpke, "aber das ist keine Degradierung von Timo."

Das wäre ja auch noch schöner. Eine frühe Entscheidung können die Verantwortlichen dem Fußballland auf keinen Fall antun; das Land freut sich doch so, dass ihm nach Kahns Rücktritt aus dem DFB-Team wenigstens ein kleines Torwartduell geblieben ist.

Wer ist die Nummer 2 hinter Jens Lehmann, das ist die Frage, und manche haben dieses kleine Duell bereits in einen größeren Zusammenhang gestellt. Dann lautet die Frage so: Wer wird Nummer 1, wenn Lehmann nach der Euro 2008 seinen Platz räumt?

Glanztaten ohne Ball

Das mag zugespitzt sein, aber richtig ist, dass Enke jener Torwart sein könnte, den diese Mannschaft verdient. Die Mannschaft spielt modern wie nie, und Enke ist der modernste Torwart, den das Land zu bieten hat. Sein Spiel ist ein unspektakuläres Spektakel, und manchmal, wenn ihm ein Stürmer entgegenläuft, muss er nicht mal eine Parade machen. Er stürzt dann aus seinem Tor, verkürzt den Winkel und bleibt so frech stehen, dass die Stürmer so genau zielen, dass sie vorbeischießen.

Glanztaten ohne den Ball zu berühren, das beherrscht keiner so gut wie Enke, dessen Spielstil im deutschen Trainerstab heftige Befürworter gefunden hat. Er ist ein Torwart neuen Typs, komplett und fast ohne Schwäche, weshalb er - wie der beinahe baugleiche Hildebrand - in der DFB-Wertung vor dem spektakulären Tim Wiese rangiert, der eher als Reflex-Torwart gilt.

Noch immer gilt die Personalie Enke als Überraschung, was auch eine Überraschung ist. Denn in der Branche hat es selten einen weniger umstrittenen Keeper gegeben als Enke, den Liebling der Kollegen. In der unter Fußballprofis veranstalteten kicker-Umfrage nach dem besten Torwart der Liga gewann fünfmal nacheinander Robert Enke.

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(SZ vom 27.03.2007)