Nationalmannschaft Es geht um den deutschen Ruf

Thomas Müller vor der Fankurve in Prag.

(Foto: imago/Sven Simon)

Wenn deutsche Fußballzuschauer in Prag "Sieg Heil" skandieren, ist eine Distanzierung von Spielern und DFB richtig und wichtig - aber nicht genug.

Kommentar von Martin Schneider

Ein Lied, das man immer wieder von deutschen Fans in Stadien hört, startet mit rhythmischen Trommelschlägen. Es macht Bumm-Bumm-BummBummBummBumm, und dann schreien alle "Sieg". Kritiker sagten, es gibt Fans, die singen dieses Lied nur, um sich das "Heil" danach zu denken. Seit Freitagabend haben diese Kritiker ein Stück weit unrecht. Einige Fans denken das "Heil" nicht mehr. Sie schreien es nun heraus.

Ein rechtsradikaler Mob hat das WM-Qualifikationsspiel Tschechien gegen Deutschland als Bühne benutzt, um Nazi-Parolen im Stadion zu schreien und über die Außenmikrofone auch in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer. Es waren wohl 100 bis 200 Leute, von denen viele nicht im "offiziellen" deutschen Fan-Block standen, sondern sich auf dem Schwarzmarkt Karten besorgt hatten. Aber sie waren so laut und so dominant, dass die deutsche Nationalmannschaft noch auf dem Platz entschied, nicht vor die Fankurve zu gehen - um nicht auch nur einen Moment den Eindruck zu erwecken, man befürworte diese Form der "Unterstützung".

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Man muss den Spielern - vor allem Mats Hummels - dankbar sein, dass sie sofort klare und deutliche Worte dafür gefunden haben. Hummels und auch der junge Julian Brandt verurteilten die Parolen scharf. DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte mit ein bisschen Verspätung, aber ebenso deutlich in Richtung der Radikalen: "Wir sind nicht eure Mannschaft."

Reicht die richtige Positionierung noch aus?

Die deutsche Fußballnationalmannschaft muss sich wirklich nicht den Vorwurf gefallen lassen, sich nicht klar genug gegen Rechtsextreme zu positionieren. Schon als der AfD-Politiker Alexander Gauland den Nationalspieler Jérôme Boateng für eine seiner bewussten Provokationen nutzen wollte, waren die Antworten deutlich. Und als es die AfD noch gar nicht gab, schaltete der DFB Werbespots (wenn auch etwas ungelenke), die für Integration und Vielfalt warben. Die Frage ist nun aber, ob Positionierung ausreicht - oder ob man nicht noch mehr tun muss.

Denn es ist zwar total nachvollziehbar, wenn es heißt: Man darf diesen Leuten keine Bühne geben. Man sollte sie am besten durch Missachtung strafen. Als bei der Europameisterschaft in Frankreich vor einem Jahr 50 bis 60 Rechte vor dem Spiel der Deutschen gegen die Ukraine in Lille randalierten, erwähnte der DFB auf seiner Homepage lieber die 3000 friedlichen deutschen Anhänger. Das kann man so machen. Aber wenn eine Nationalmannschaft nicht mehr zu den eigenen Fans gehen kann, ohne zu befürchten, dass sie sich der Nazi-Sympathie schuldig machen könnte, greift die Taktik des Ignorierens nicht mehr.

Man muss dazu auch wissen, dass die Vorfälle in Prag zwar heftig waren, aber nicht einmalig. Wer häufiger mit der Nationalmannschaft im Ausland unterwegs ist, dem muss auffallen, dass seit Jahren Leute mitreisen, die nicht primär daran interessiert sind, sich ein Fußballspiel anzuschauen oder die Mannschaft zu unterstützen - sondern die unzweideutige Symbole präsentieren und rechtsradikale Botschaften grölen.

Die Liste an Vorfällen ist jedenfalls lang. Vor ziemlich genau zehn Jahren zog, ebenfalls bei einem Spiel in Prag, ein deutscher Mob durch die Straßen und schrie unter anderem "Böhmen bleibt deutsch". Beim Freundschaftsspiel der englischen Nationalmannschaft 2008 in Berlin stellten sich Nazis vor englische Fans und sangen "Bomben auf Engeland". 2010 in Ungarn entstand ein Video, in dem Männer mit sehr wenig Haaren auf dem Kopf vor dem Spiel "Zick-Zack Zigeunerpack" rufen.

Provokateure präsentieren die Reichskriegsflagge

Bei der EM 2012 in Polen und in der Ukraine hat Florian Schubert vom Bündnis aktiver Fußballfans einen Bericht verfasst und diverse Vorfälle dokumentiert. 2013 berichtete Zeit Online von einem Spiel in Schweden, bei dem deutsche Fans den Hitlergruß zeigten. Bei der EM in Frankreich präsentierte eine Gruppe die Reichskriegsflagge, und bei fast jedem Auswärtsspiel kann man die Uhr danach stellen, wann das Lied "Mexiko" von der Band Böhse Onkelz angestimmt wird - die zumindest eine Zeitlang als rechts galt.

Offenbar scheint ein Umfeld, in dem man nationale Symbole zeigen darf, eine große Anziehung auf diese Gruppen auszuüben. Natürlich ist es eine Minderheit, und man muss dem DFB auch lassen, dass er es in Deutschland geschafft hat, diese Leute größtenteils aus den Stadien fernzuhalten. Der "Fanclub-Nationalmannschaft powered by Coca-Cola" zieht jedoch ein meist relativ leises Familien-Publikum an (das schnell mal die eigene Mannschaft auspfeift) und das die Nationalelf auch nicht ins Ausland begleitet. Vereine haben dagegen eine Ultra-Kultur, die die Kurve auch auf Auswärtsfahrten dominiert und im Idealfall Hooligans oder Rechtsradikale aus dem Block raushält oder wenigstens übertönt.

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Im Ausland ist es nicht so einfach, bekannte Täter von den Stadien fernzuhalten. Zu großen Turnieren schaffen es Beamte dank verstärkter Kontrollen, Hooligans an der Ausreise zu hindern. Allerdings ist es ein großer personeller und koordinativer Aufwand. Behörden verschiedener Länder müssen Daten austauschen oder zumindest zusammenarbeiten, szenekundige Beamte sollten dabei sein, der Ticketverkauf muss personalisiert sein. Wenn es in dieser Kette eine Lücke gibt, ist es leicht, trotz eines eventuellen Verbots in Deutschland in ein tschechisches oder schwedisches Stadion zu kommen.

Die Frage ist, ab wann mehr Aufwand gerechtfertigt ist. Der DFB, normale deutsche Fußballfans und auch Deutschland als Land können jedenfalls überhaupt kein Interesse daran haben, dass die Nationalmannschaft in fremden Stadien vor einer Horde Nazis spielt.