Nationalmannschaft Der Traum vom Zweitwolf
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Das Spiel gegen England hat gezeigt, dass Führung kein stumpf hierarchischer, sondern ein sportlicher Begriff ist: Löw muss seinen heimlichen Traum in ferne Zukunft vertagen.
Als Michael Ballack 1997 Profi in Kaiserslautern wurde, brachte er bereits ein paar nebensächliche Qualitäten mit, er konnte zum Beispiel Fußball spielen. Die entscheidenden Lektionen über Profifußball aber musste er noch lernen, zum Beispiel, dass es dort einen Spieler namens Ciriaco Sforza gab, auf dessen Kommando alle hörten. Auch spielte dort ein Bundesverdienstkreuzträger namens Andreas Brehme, auf dessen Kommando ebenfalls alle hörten (außer Ciriaco Sforza).
Die Gewinner des Abends? Torsten Frings und Michael Ballack.
(Foto: Foto: dpa)Als Torsten Frings im selben Jahr Profi in Bremen wurde, erfuhr er, dass Colatrinken im Bus streng verboten war, außer für Dieter Eilts. Alle hörten auf Eilts' Kommando und auf das von Andy Herzog, der dem jungen Frings nebenbei den Spottnamen "Lutscher" verpasste. Wer heute in den Archiven nach Sforza, Brehme, Eilts und Herzog forscht, stößt schnell auf eine Gemeinsamkeit: Alle vier galten in ihren Teams damals als "unumstrittene Leitwölfe".
Ballack und Frings sind mit einer Kultur des Leitwolfs aufgewachsen, sie kennen es nur so, dass man als Jungprofi da durch muss. Das führt fast zwingend zum Konflikt mit der Generation Lahm/Rolfes/Mertesacker, die mit Cola-Regeln groß wurde, die für alle gelten. Der Leitwolf (vulgo: Führungsspieler) ist ein schrecklich deutsches Thema, und man muss dem Länderspiel gegen England dankbar sein, dass es dieses Thema auf eine neue, internationale Ebene gehoben hat. In Deutschland geht es ja immer nur darum, wer der Chef von wem ist und wer im Zweifel wen anschnauzen darf.
Dieses Länderspiel hat nun aber zur besten Sendezeit vorgeführt, dass Führung kein stumpf hierarchischer, sondern ein sportlicher Begriff ist: Niemand hat die DFB-Elf geführt, niemand hat ihr Spiel geordnet und die Mitspieler mit seiner Ordnungskraft beruhigt - und man mag sich lieber nicht vorstellen, dass dieses Spiel beinahe das erste Spiel einer neuen Ära geworden wäre. Wie hätte man die Perspektiven dieser freundlichen, aber harmlosen deutschen Elf bewerten müssen, wären Ballack und Frings tatsächlich zurückgetreten (worden)?
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So darf Joachim Löw eine gute und eine schlechte Nachricht mitnehmen ins Länderspieljahr 2009. Er darf sich bestätigt fühlen, dass er sich - obwohl tief gekränkt - zu keiner Überreaktion hinreißen ließ und die Fälle Ballack/Frings anders behandelte als den Fall Kuranyi. Die Turbulenzen hat Löw ausdrücklich auf sich genommen, weil er weiß, dass seine Elf aus braven Bundesligabuben einen Spieler wie Ballack braucht, der ihr zeigt, wie draußen in der großen Welt Fußball gespielt wird.
Was direkt zur schlechten Nachricht führt: Die zweite Leitungsebene im Team (Klose, Mertesacker, Schweinsteiger, Rolfes) ist noch so entscheidungsschwach, dass selbst ein taumelnder Leitwolf wie Frings eine Option bleiben muss. Die Zweitwölfe sind noch nicht so weit, weshalb Löw seinen heimlichen Traum in eine fernere Zukunft vertagen muss: den Traum von einem leitwolffreien 30er-Kader, in dem das dominantaggressivvertikale Spielprinzip sich so verselbständigt hat, dass jeder jeden ersetzen kann.