Nationalelf-Trikot Traditionell geschmacklos

The same procedure as every year: Pünktlich zum Start eines WM-Jahres beginnen die Spielereien der englischen Boulevardpresse - und wie immer enthalten sie Nazi-Vergleiche.

Von Jürgen Schmieder

Im Sketch "Dinner for one" fragt der Butler James seine Chefin Miss Sophie vor jedem einzelnen Gang: "The same procedure as last year?" Die Antwort: "The same procedure as every year, James!" Beim Betrachten der englischen Boulevardpresse zu Beginn eines Jahres, in dem ein großes Fußballturnier stattfindet, könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich die Verantwortlichen der Zeitungen an diesem Sketch orientieren.

In diesem Jahr geht es um die Trikotfarbe der deutschen Nationalelf, das Auswärtsleibchen ist in Schwarz gehalten. Die Zeitung Daily Mail zeigt neben Michael Ballack ein Bild Adolf Hitlers und schreibt, die Hemden würden Erinnerungen wecken an die "berüchtigte SS, die während des Krieges Europa terrorisierte. Hitlers persönliche Schutztruppe trug ebenfalls schwarze Uniformen." Mit dem neuen schwarzen Trikot sei Hersteller Adidas "einen Stechschritt zu weit gegangen". Das Blatt zitiert zudem einen 28 Jahre alten Maurer mit den Worten: "Beim letzten Mal, als sie schwarze Hemden getragen haben, wollten sie die Weltherrschaft. Ich denke also, dass es diesmal ähnlich ist."

Die Geschmacklosigkeiten der englischen Boulevardpresse haben eine lange Tradition und werden auf der Insel eher als kreativer humoristischer Akt gesehen denn als Beleidigung. Vor dem EM-Halbfinale 1996 etwa titelte der Daily Star: "Watch out Krauts. England are gonna bomb you to bits." ("Passt auf, Krauts: England bombt euch in Stücke."). Der Daily Mirror schrieb: "Football war on Germany!" ("Fußball-Krieg gegen Deutschland!")

Die Zeitung The Sun erklärte der deutschen Nationalelf einmal den "Blitzkrieg" und forderte, die Anstoßzeit von 20 Uhr auf 19:45 Uhr zu verlegen, weil diese Zahl den Engländern gegen die Deutschen Glück bringen würde. Dazu gibt es meist Bilder von Panzern, Spielern in Stahlhelmen und Vergleiche von Trainern mit Nazi-Offizieren.

Freilich folgt auf deutscher Boulevardseite meist eine empörte Antwort, in diesem Fall zeigt Bild die heikelsten Entgleisungen der britischen Presse und erklärt, warum die Briten ein Problem mit den Deutschen hätten. Daraufhin folgt traditionell die Feststellung der britischen Blätter, dass die Aufregung in Deutschland ein weiterer Beweis dafür sei, wie wenig Humor die Deutschen hätten.

Die gleiche Prozedur wie in den vergangenen Jahren, es ist eben wie bei "Dinner for one". A propos: Freilich gehört es auch zur feinen britischen Tradition, bei großen Turnieren einen lustigen Sketch aufzuführen - meist nach der Verlängerung bei einem wichtigen Spiel.

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