Von Yasmin Schulten

Sie ist keine zweite Steffi Graf, die mit 18 Jahren an der Weltspitze steht. Dennoch hat Julia Görges den Ehrgeiz und das Potential, zur Weltklassespielerin aufzusteigen. Nächste Chance: Beim WTA-Turnier in Stutgart.

Es gibt seit vielen Jahren keine Steffi Graf und keinen Boris Becker mehr im deutschen Tennis, die schon in jungen Jahren Turniere wie Wimbledon gewinnen. Aber entgegen der Meinung vieler Deutscher gibt es genügend Spieler, die das nötige Potential dafür haben. Das meint zumindest Nachwuchsspielerin Julia Görges. Die 18-Jährige aus Bad Oldesloe gehört selbst dazu: In knapp zwei Jahren kletterte sie von einem Weltranglistenplatz jenseits der 1000 auf den derzeit 135. Platz auf der Liste der Weltbesten.

Julia Görges will mindestens unter die Top 50 der Welt. (© Foto: AP)

Anzeige

Zum letzten Mal sah man Görges beim WTA-Turnier in Luxemburg, wo sie sich durch die drei Runden der Qualifikation kämpfte und es als einzige Deutsche ins Hauptfeld schaffte. Bedeutender aber war ihr Auftritt bei ihrem ersten Grand-Slam-Turnier, den US Open in New York in diesem Jahr.

Nach der Quali scheiterte sie hier am Lospech: Die junge Spielerin musste direkt gegen die Weltranglistenerste Justine Henin antreten. Auch wenn sie das größte Match ihrer bisherigen Karriere im Arthur-Ashe-Stadion in New York lieber in einer späteren Runde gespielt hätte, sah Görges das Treffen mit Henin positiv: "Es war für mich eine Belohnung vor so vielen Leuten gegen Justine spielen zu können. Denn für ein solches Match arbeitet man ein ganzes Jahr." Sie habe durch die Niederlage mehr gelernt, als wenn sie gewonnen hätte, sagt Görges einige Wochen nach dem Match.

Derzeit kann Julia Görges ihr Können beim Porsche-Turnier in Stuttgart unter Beweis stellen. Und das vor den Augen des heimischen Publikums- ein großer Vorteil, wie Görges sagt. Am Dienstagabend trifft sie zunächst auf die Qualifikantin Julia Vakulenko aus der Ukraine. "Ich bin zufrieden mit diesem Los. Wenn ich gut spiele, kann ich das Match sicherlich gewinnen." An die mögliche zweite Gegnerin, die Weltranglistensiebte Serena Williams, möchte Görges noch nicht denken. "Erstmal muss ich mein erstes Spiel gewinnen, dann sehen wir weiter."

Sie gibt sich selbstbewusst und weiß aber, woran sie arbeiten muss: "Zur Weltspitze ist alles da, die Schläge, die Kondition, alles. Aber ich muss lernen, konstanter zu spielen." Als Nachwuchsspielerin fühlt sie einen größeren Druck auf sich lasten. "Weltklassespieler sind abgebrühter. Für die ist ein Spiel auf dem Center Court auf dem Arthur-Ashe-Stadion vor tausenden Menschen Alltag."

Nach nur zwei Jahren auf der Profiebene ist dieses Gefühl nicht verwunderlich. Dennoch hat Julia Görges im Laufe ihrer bisherigen Tenniskarriere viele Erfolge verzeichnen können. Ihre Karriere geht steil bergauf: Im Jahr 2003 noch freute sich sich über den Titel der Norddeutschen Vizemeisterin im Einzel. Seit zwei Jahren widmet sie sich zu hundert Prozent ihrer Tenniskarriere: Sie verließ mit 16 Jahren die Schule und spielte 2005 erstmals auf dem ITF-Circuit, ein Level unterhalb der WTA-Tour. Im gleichen Jahr ergatterte sie den ersten Punkt für die WTA-Weltrangliste. 2007 war sie dann schon im Hauptfeld der US Open mit dabei.

Anfang des Jahres noch hatte sie sich das Ziel gesetzt, es Anfang 2008 in die Quali ihres ersten Grand-Slam-Turniers zu schaffen. Das schaffte sie nun schon im August bei den US Open, wo Görges sich sogar bis in die erste Runde des Hauptfelds spielen konnte. Jetzt peilt sie bis Ende des Jahres eine Platzierung unter den besten hundert Frauen der Welt an. "Aber selbst wenn das nicht klappen sollte, bin ich mit diesem Jahr sehr zufrieden", sagt Görges. Auf lange Sicht gesehen will die Spielerin unter die Top 50. "Mit steigender Tendenz natürlich", sagt sie voller Überzeugung.

Dann wird Julia Görges ihre Familie und Freunde noch weniger zu Gesicht bekommen als jetzt. Da sie nicht daheim in Bad Oldesloe, sondern im westfälischen WTV-Leistungszentrum in Kamen mit Verbandstrainer Björn Jacob trainiert, findet sie es schade, dass sie nur wenig Zeit daheim sein kann. "Aber wenn man einen Traum hat und Erfolg haben will, dann muss man auch Opfer bringen", sagt Görges. Und wenn sie das tut, klappt es im deutschen Tennis vielleicht bald auch mit der Steffi-Graf-Nachfolge.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de)