Hertha BSC sorgt nicht bloß als Tabellenführer der Bundesliga für Aufsehen: Auch die Nachwuchsarbeit des Klubs erreicht in Deutschland Spitzenwerte.
Die Flanke zu dem Tor, das Hertha BSC am Sonntagabend an die Spitze der Bundesliga verhalf, kam von rechts, und doch von viel weiter her als von der Kreidelinie am Spielfeldrand. Kevin Boateng war der Lieferant des Balles, und dass der Szene etwas Exemplarisches anhängt, liegt daran, dass der 19-Jährige ein Absolvent von Herthas Nachwuchsakademie ist. Die galt auf nationaler Ebene schon als Spitze, als bei Hertha BSC noch niemand ahnte, dass die Profis die Tabellenführung übernehmen könnten.
Absolvent der Hertha-Akademie: Kevin Boateng (© Foto: Reuters)
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15 Spieler aus der eigenen Ausbildung haben in den vergangenen sechs Jahren im Erstliga-Team debütiert - das ist ebenso Branchenrekord wie die 34 Spieler, die Hertha allein in der vorigen Saison in die Nachwuchsmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) entsandte. Erst vorige Woche lud der DFB wieder neun Spieler zu Jugendlehrgängen ein. Es füge sich "immer mal wieder", dass ein Klub einen goldenen Jahrgang habe, sagt DFB-Trainer Bernd Stöber. "Doch eine solche Ansammlung an Talenten bei einem einzigen Verein wie zuletzt bei Hertha BSC haben wir selten gesehen."
Nur der FC Bayern gibt mehr aus
Stöber führt das ebenso auf die Arbeit der fünf hauptamtlichen Nachwuchstrainer zurück wie auf die Struktur der Abteilung unter Leitung von Frank Vogel, auf das exzellente Scouting und auf die Olympiapark-Anlage mit ihren "nahezu perfekten Bedingungen". 18 Jugendliche leben im vereinseigenen Internat, jahrgangsweise sind 200 Spieler von der U 7 bis zur U 23 in rund einem Dutzend Mannschaften zusammengefasst. Die Kooperation mit einem Charlottenburger Sportgymnasium erlaubt es 50 Hertha-Teenagern, auch vormittags zu üben; von der C-Jugend an (13 bis 15 Jahre) können die Jugendlichen so sechs bis acht Trainingseinheiten wöchentlich absolvieren. "Wir haben ein großes Talentpotenzial zusammengezogen. Aber ich denke auch, dass wir es geschafft haben, dieses Potenzial bis in den Männerbereich hinein weiterzuentwickeln", sagt Vogel. Und um Letzteres geht es vor allem.
Mehr als vier Millionen Euro lässt sich der Verein seine Talentschmiede kosten, nur der FC Bayern München wendet mehr Geld auf für seinen Nachwuchs. "Das Ziel ist, Spieler für das internationale Fußballniveau auszubilden", sagt Vogel; der Verein unternahm deshalb zuletzt verstärkt Wettkampfreisen ins Ausland. Von neun Spielen gegen Nachwuchsteams der englischen Premier League haben die Berliner Junioren vier gewonnen, nur zwei verloren. "Spielerisch haben wir überzeugen können", sagt Vogel, und es klingt, als sei ihm dies wichtiger, als der Gewinn deutscher Jugendmeisterschaften. Die seien als Beleg für gute Arbeit zwar willkommen, wichtiger aber sei, eine Spielphilosophie zu vermitteln, die Hertha eine eigene Identität verschafft: "Es gibt dabei kein Dogma, sondern nur Eckdaten", sagt Vogel, "wir wollen offensiven, geordneten, frechen Fußball, der so ist, wie die Berliner Mentalität - selbstbewusst und keck." Für das Training heißt das, dass Ballorientierung und Kreativität im Vordergrund stehen, dass mit hohem Tempo und wenigen Ballkontakten gespielt wird, dass der Mut gefördert wird, Eins-gegen-Eins-Situationen offensiv zu lösen.
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