Nach seinem Selbsttötungsversuch hat Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati das Krankenhaus wieder verlassen - laut seines Anwalts begab er sich in stationäre Behandlung. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention kritisiert indes den Medienauftritt von DFB-Präsident Theo Zwanziger.
Am Montagmorgen durfte Babak Rafati das Kölner Krankenhaus Holweide wieder verlassen und in seine Heimatstadt Hannover zurückkehren, knapp zwei Tage waren da seit seinem Selbsttötungsversuch vergangen. Kurz darauf meldete sich der Deutsche Fußball-Bund mit einer begleitenden Presseerklärung: Rafatis Anwalt habe den DFB darüber informiert, dass sich der Referee "in stationäre Behandlung begeben habe", hieß es. Grund sei laut des Anwalts "ein bei ihm diagnostiziertes Krankheitsbild, das diesen Schritt erforderlich erscheinen lasse." Und auch der Hinweis fehlte nicht, dass Rafati "dem DFB und seinem Präsidenten sehr dankbar für die spürbare Unterstützung" sei.
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Die stationäre Behandlung ist für Fachleute ein Indiz dafür, dass Rafati an Depressionen leiden könnte. Ausdrücklich benannt - wie etwa nach dem Selbstmord des Nationaltorhüters Robert Enke - wurde diese Diagnose aber nicht. Rafati habe vielmehr "über seinen Anwalt den ausdrücklichen Wunsch übermitteln" lassen, "in enger Abstimmung mit dem DFB die Vorgänge ganz in Ruhe aufarbeiten zu wollen", hieß es.
Die Kölnische Rundschau meldete unterdessen, Rafati habe den Suizidversuch "aus privaten Gründen" unternommen. "Es geht nicht um Überforderung im Fußball", sagte ein hochrangiger Ermittler, der sich auf im Hotelzimmer zurückgelassene Notizzettel bezog. Die Polizei hatte zu ergründen, ob Fremdverschulden vorliegt. Das kann offenbar ausgeschlossen werden, also wird die Akte geschlossen.
Tatsächlich geklärt ist damit natürlich noch wenig, und da Rafati laut DFB-Meldung nun "vor allem um Zeit und Geduld" gebeten habe, dürfte es schnelle Antworten auch nicht geben. Die offenen Fragen in dem Fall des 41-jährigen Schiedsrichters, der sich am Samstag vor dem Bundesligaspiel zwischen Köln und Mainz in seinem Hotelzimmer das Leben nehmen wollte, wabern also weiter durch den Ligabetrieb.
Und unabhängig von der Frage, ob das berichtete "Krankheitsbild" nun in einem Zusammenhang zu Babak Rafatis Schiedsrichtertätigkeit steht oder nicht, verdichtete sich die Debatte auch am Montag weiter zu einer kritischen Selbstbetrachtung darüber, welchen Druck der Profibetrieb auf seine Schiedsrichter ausübt. "Ich werbe sehr dafür, dass jeder seine eigene Einstellung überprüft", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball, der auch dem Meister Borussia Dortmund vorsteht, am Rande der Jahreshauptversammlung seines Klubs. "Auch wenn ich es öffentlich nie artikuliert habe: Manchmal ist man in seinem Inneren auch ungerecht gegenüber Schiedsrichtern."
Bruno Labbadia, der Trainer des VfB Stuttgart, will in Zukunft weniger über Referees schimpfen: "Natürlich ist man ein Stück verärgert, wenn Fehlentscheidungen fallen", sagte er. Er habe sich aber vorgenommen, "bewusster aufzupassen, dass man es nicht übertreibt". Der Vorstandschef des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, gab auch den Verbänden eine Mitschuld daran, dass Referees zu oft in die Sündenbock-Rolle gedrängt würden: "Die Fifa lässt die Schiedsrichter im Regen stehen. Zum Beispiel beim passiven Abseits oder bei der Torkamera - sie tut nichts, um die Schiedsrichter zu unterstützen", sagte Rummenigge der Welt.
Der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, Georg Fiedler, kritisierte wiederum DFB-Präsident Theo Zwanziger, weil dieser Einzelheiten an die Öffentlichkeit getragen hatte ("viel Blut zu sehen"). Das Spiel Köln gegen Mainz soll am 13. Dezember um 20.30 Uhr nachgeholt werden.
Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbstmorde zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung im Fall Rafati gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.
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(SZ vom 22.11.2011/ebc)
Berliner Zeitung
@Pickwick
Wollen sie damit andeuten, dass Zwanziger seine Aufmerksamkeitshascherei lassen soll?
Also ich finde, Babak Rafati hat mit der Wahl des Zeitpunkts die maximale Aufmerksamkeit auf sich alleine gelenkt; eine Veranstaltung mit 50.000 Teilnehmern hing von ihm ab und auch durch die mediale Aufmerksamkeit stand ER im Mittelpunkt. Ich hoffe, dass Rafati ziemlich durcheinander war und dies nur temporär nicht bedenken konnte. Dass beispielsweise Väter mit kleinen Kindern oft ins Stadion gehen, deren Nachwuchs nun mit dem Thema Selbstmord in Berührung kommt, gibt dieser Sache einen faden Beigeschmack.
Schlimm ist das Verhalten des Herrn Zwanziger. Kaum erfährt er von dem Suicidversuch des Schiedsrichters, steigt er auch schon ins Auto, um in alle verfügbaren Mikros und Kameras seine Laienpredigten abzusondern und sich dabei zuzuhören.
Was geht diesen Menschen das an? Das Selbstbestimmungsrecht von Herrn Rafati ist zu achten, und da braucht es keinen Schwätzer vom DFB, der Mutmaßungen über das grausame Fußballgeschäft emittiert, während ein Mensch um sein Leben kämpft (oder eben nicht kämpft).
Also bitte dran halten. Insofern ist es auch irrelevant, daß der Mann nicht in Hannover, sondern weiterhin in Köln weilt.
Und der Hinweis zur Telefonseelsorge ist auch gut.