Nach der Wiederwahl Warum nicht raus aus Blatters Fifa?

Kontrahenten? Fifa-Präsident Sepp Blatter (links) und Uefa-Chef Michel Platini.

(Foto: Michael Buholzer/AFP)
  • Bei der Wahl von Sepp Blatter zum Fifa-Präsident stellt sich die Uefa stümperhaft an und präsentiert einen farblosen Gegenkandidaten.
  • Michel Platini, der Chef des europäischen Verbandes, hat nur noch durch den Boykott der Wettbewerbe die Chance, Blatter richtig weh zu tun.
  • Wahrscheinlich droht der Fifa aber eher Gefahr durch die Ermittlungen des FBI.
Kommentar von Thomas Kistner

Es gibt auch einen Grund, die Wiederwahl Sepp Blatters zu begrüßen. Immerhin wirft die Fußballfamilie mit diesem Votum den US-Ermittlern den Fehdehandschuh hin. Justizministerin Loretta Lynch hatte jüngst im Zuge eines dramatischen Auftritts keinen Zweifel gelassen, dass die Bundespolizei FBI das Räubernest ausräuchern will, das sich wie ein Bruchband um die Fifa gelegt hat. Eine völlige Erneuerung hatte sie öffentlich gefordert, ungewöhnlich genug, und den Appell mit der Drohung verbunden, dass die Verhaftungswelle in Zürich nur eine erste Aufwärmübung sei.

Ein weiterer Brandsatz wurde in der Fifa-Familie gelegt. Michel Platini, Präsident der Europa-Union Uefa, hat Blatter ja bis zuletzt zur Demission gedrängt. Er hätte auch einem Goldfisch das Rauchen beibringen können: Dass Blatter seinen Fifa-Tempel, den er samt Andachtsraum aus Onyx auf den Zürichberg zimmern ließ, nur verlassen wird, wenn ihn Amtspersonen mit Spezialbefugnissen dazu auffordern sollten: Das steht fest. Umso weniger darf die Uefa nun so tun, als hätte die trickreich orchestrierte Inszenierung um Blatter einen Beschluss erbracht, den es demutsvoll zu schlucken gilt.

Man hätte kaum stümperhafter als die Uefa agieren können

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Aus Sicht der Fifa soll die Ära des Mannes weitergehen, der ihr ein ethisches Vakuum beschert hat, über das die Welt staunt: Blatter, 79 Jahre, Generalsekretär seit 1981, Präsident seit 1998 - weiter im Spitzenamt bis 2019. Doch die Zeichen stehen gut, dass bald mehr passiert, das außerhalb seiner Macht liegt. Die FBI- Zugriffe sollen in Wellen erfolgen, Kontinent für Kontinent, wurde in Zürich geraunt. Sie werden den Blick auf die Fifa-Geschäftskultur immer schärfer stellen und die Fußballmacht einkesseln.

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Die Uefa aber kann bald ähnlich beschädigt sein wie die Fifa. Hätte Blatter eine Schein-Opposition aufgestellt, hätte die nicht stümperhafter agieren können als Platini und Co. Die Uefa ist das Zentralgestirn im Fußballkosmos, sie regiert jene Weltregion, in der 80 Prozent aller wichtigen Geschäftsvorgänge ablaufen. Hier wirken die Helden des Traumgewerbes, die größten Klubs und Investments. Trotzdem ist die Uefa außerstande, dem ewigen Sepp eine starke Figur in den Weg zu stellen. Sie versteckte sich hinter einem Mann, der kaum farbloser sein könnte: Prinz Ali war sogar aus Sicht der Europäer, die ihn positioniert hatten, nur als Platzhalter für eine Amtszeit gedacht.

Der schlimmste Fehler ist aber, dass die Uefa nicht die Steilvorlage des FBI am Tagungsort nutzte und Blatters Krönungsmesse boykottierte. Obwohl das sogar offen angedacht wurde. Sie vertraute der Hochrechnung des Jordaniers und seiner Berater. Und rasselte in die Pleite.

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Die letzte Option: Rückzug aus allen Wettbewerben

Ein letzter Schuss steckt noch in der Büchse. Am kommenden Samstag beim Champions-League-Finale in Berlin gibt es ein Strategietreffen. Dann will die Uefa "jede Option" gegen das Zürcher Endlosregime prüfen: vom Rückzug ihrer acht Mitglieder im Fifa-Vorstand bis zum Rückzug von Europas Verbänden aus allen Fifa-Bewerben. Dann darf sich der DFB nicht aus der Verantwortung stehlen. Der Weltmeister und weltgrößte Verband wird als Gastgeber der Uefa in Berlin Profil zeigen müssen.

Warum geht er nicht, vereint mit gleichgesinnten Verbänden, erst mal raus aus Blatters Fifa? Keine Sorge: Eine WM ohne Deutschland, Frankreich, England, Holland - das wird es nie geben. Weil es keine WM ohne die Milliarden von TV und Sponsoren geben kann. Der Druck verstörter Geldgeber aber könnte den Wechsel herbeiführen - womöglich noch flotter als das FBI.

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