Nach dem Olympiasieg Die letzten Vorsätze der Vertrauenslehrerin

Auf dem Olymp: Silvia Neid feiert mit ihrer Mannschaft den Sieg im olympischen Fußballturnier.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Silvia Neid tritt auf dem Höhepunkt zufrieden ab: Es läuft im deutschen Frauenfußball, findet sie. Der Finalsieg gegen Schweden beweist das - auch dank einer besonderen Spielerin.

Von René Hofmann, Rio de Janeiro

Silvia Neid wirkte wie eine Verkehrspolizistin. Sie hatte alles im Blick und sie regelte, was sie konnte. Sie bestimmte, wer eine Frage stellen durfte. Sie legte fest, in welcher Reihenfolge geantwortet wurde. Wenn Dzsenifer Marozsan, die neben ihr saß, etwas sagte, was ihr gefiel, dann würdigte Neid das mit einem zustimmenden Nicken. Als es der eingeteilten Übersetzerin glückte, eine ihrer ausführlichen Äußerungen in einer tatsächlich bewundernswerten Genauigkeit ins Englische zu überführen, da befahl Neid: "Einen Applaus für Claudia!" Nachdem sie festgelegt hatte, dass nun die letzte Frage anstehe, die letzte Fragestellerin ausgewählt war und sie die letzte Frage beantwortet hatte, erhob sich Silvia Neid und ging festen Schrittes auf den Olympia-Bediensteten zu, der die Runde eigentlich hätte leiten sollen. Sie schüttelte ihm nicht nur die Hand und sagte "Danke", sie legte ihm auch ihre andere Hand auf den Unterarm, was so viel heißen sollte wie: Gut gemacht!

Wer Silvia Neid am Freitagabend im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro nach dem 2:1 gegen Schweden erlebte, das dem deutschen Frauen-Fußballteam Olympia-Gold bescherte, der sah: Da ist jemand in seinem Element. Da ist jemand noch einmal in seinem Element. Ein letztes Mal.

Mit dem Triumph endet Neids Zeit als Bundestrainerin. Als Scout will sie für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) künftig Trends nachspüren. Von der Wegweiserin zur Suchenden - ob das glücken kann? Oh ja, versicherte Neid, sie habe da gar keine Sorge: "Es fällt mir total leicht, diese Zügel abzugeben. Es ist ja selbst bestimmt." 34 Jahre lang war sie - erst als Spielerin, dann als Co-Trainerin und seit 2005 schließlich als Cheftrainerin - mit der Frauennationalmannschaft verbunden. "Jetzt ist das Baby groß, aus dem Haus und ich kann auch mal wieder was für mich tun": Ein bisschen Mutter Courage, so inszenierte Neid sich selbst.

Beherzte Schwedinnen - und auf der anderen Seite Dzsenifer Marozsan

Ihren Abschied hatte sie lange angekündigt, was dieses Olympia-Turnier für die deutschen Fußball-Frauen besonders aufgeladen hatte. Ein Finale im sagenumwobenen Maracanã-Stadion, noch dazu vielleicht ein goldenes - welche Spielerin sagt da schon "nein", wenn sie gefragt wird, ob sie ihrer langjährigen Trainerin das zum Abschied gerne schenken wolle? An Neids Spielerinnen war die Frage oft ergangen, je näher sie dem Ziel nach dem holprigen Start ins Olympia-Turnier aber kamen, desto genervter wirkten ihre Antworten. Es hatte fast den Anschein, als wollten sie die Welt daran erinnern, dass auch an diesem Abend elf Frauen auf dem Feld stehen würden. Und eine daneben.

Silvia Neid stand tatsächlich viel bei der Partie gegen Schweden, und meist stand sie am Rand ihrer Coaching Zone, den Blick fest auf das Spiel geheftet, das viel bot. Gefährlich lauernde Schwedinnen, die jeden halbherzigen Pass ins Halbfeld als willkommene Einladung zu beherzten Vorstößen begriffen. Deutsche Verteidigerinnen, die nicht immer im Tempo ihrer Gegenspielerinnen agierten. Auf der anderen Seite aber auch Dzsenifer Marozsan.

Die 24-Jährige setzte drei Minuten nach der Halbzeit von der Strafraumgrenze aus einen feinen Schuss exakt in den Tor-Winkel. In Spielminute 62 hämmerte sie dann einen direkten Freistoß so vehement auf das Tor der Schwedinnen, dass die perplexe Linda Sembrant nicht anders konnte, als den Ball ins eigene Gehäuse zu lenken, nachdem er gegen den Pfosten geklatscht war.

Nach dem 2:0 kamen die Schwedinnen noch einmal auf und dank Stina Blackstenius auch zum Anschlusstreffer, weil Außenverteidigerin Tabea Kemme in dieser 62. Spielminute nun wirklich nicht im Tempo ihrer Gegnerin agierte. Am Ende wogte die Partie hin und her. Dass Neid anschließend behauptete: "Nach und nach hatte ich immer mehr das Gefühl, hier kann heute nichts anbrennen" und ihre Mannschaft dafür als "echt toll" lobte? War ein Kompliment. Und bei Komplimenten zählt die Absicht ja immer am meisten. Das deutsche Team gewann den Vergleich verdient, aber keineswegs überlegen.

Grindel spricht von einem Schub - Neid geht das zu weit

Neben all den vielen EM- und WM-Titeln kann die Frauenfußball-Auswahl des DFB nun endlich auch das Wort "Olympia-Sieger" in ihren Briefkopf aufnehmen, was umgehend die Frage provozierte, was das bedeute. Als Sachverständiger trat in den Katakomben DFB-Präsident Reinhard Grindel auf. Im Sonntagsstaat und im Diktum eines Diakons sprach er von einem Schub für den Sport und "gerade für die Mädchen und jungen Frauen in Deutschland, die hoffentlich dieses Turnier in den vergangenen Wochen recht zahlreich verfolgt haben".

Ein Schub? Das ging Silvia Neid dann doch zu weit. "Wie viele Schübe brauchen wir denn noch?", fragte sie zurück, als ihr die Aussage zugetragen wurde. So schlecht, dass er ständig aufs neue angeschubst werden muss, läuft es schließlich nicht mit dem deutschen Frauenfußball, findet sie. "Ich glaube, wir stehen ganz gut da", sagt Neid.

Ihre Nachfolgerin wird Steffi Jones, die in ihrem Leben zwar schon einiges gemacht hat, aber noch nie eine Fußballmannschaft trainierte. Bei der Rundreise durch Brasilien durfte sie nun zumindest schon mal schauen, wie das geht, wie Silvia Neid das getan hat. Zur Übergabe erklärte die einigermaßen emotionslos: "Für mich war immer wichtig, dass ich Steffi Jones eine intakte Mannschaft übergebe und sie jetzt einfach weiter daran arbeiten kann."

Es war nicht der einzige Arbeitsauftrag, den Silvia Neid zum Abschied noch erteilte. Wie eine strenge Klassenlehrerin, die ihren Schülern in der letzten Stunde vor den Sommerferien noch ein paar Vorsätze für die Zeit diktiert, in der sie dann nichts mehr zu sagen hat, gab sie auch Dzsenifer Marozsan, der Schlüsselfigur dieses Finales, etwas mit auf dem Weg.

Marozsan sei "schon immer eine grandiose Technikerin" gewesen, schwärmte Neid: "Und ich finde, je älter sie wird, desto besser wird sie. Jetzt Dzseni, bist Du 24 Jahre. Ich glaube, in vier Jahren ist sie die Granate schlechthin." Wo sie sich selbst dann sieht, verriet Neid auch: "Ich werde das dann von der Tribüne aus beobachten und mich daran freuen."