Der FC Schalke verpasst durch ein bitteres 0:4 bei Atletico Madrid die Teilnahme an der Champions League - und mindestens 15 Millionen Euro Einnahmen.

Europas Fußball-Schickeria verspricht neben Ruhm und Ehre ein enorm hohes Erlöspotential, deshalb gibt es nur wenige Spiele auf Erden, die finanziell so lukrativ sind wie die Qualifikationsspiele zur Champions League. Der FC Schalke hat am Mittwochabend den erneuten Eintritt in die kontinentale Königsklasse verpasst, mit einem schmerzhaften 0:4 (0:1) im Rückspiel bei Atletico Madrid, das dem Gelsenkirchener Bankkonto mindestens 15 Millionen Euro Einnahmen vorenthält.

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Kevin Kuranyi will das Unheil gar nicht mehr mitansehen: Schalke verliert 4:0. (© Foto: Getty)

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Die nicht zu zähmenden Atletico-Stürmer Agüero (19.) und Forlan (51.), der eingewechselte Luis Garcia (82.) und Maxi Rodriguez (87., Foulelfmeter) machten mit ihren Toren vor 54000 Zuschauern Schalkes 1:0-Erfolg aus dem Heimspiel wertlos. Für Fred Rutten, Schalkes neuen Trainer, bedeutet das mit der Versetzung in den Uefa-Cup verbundene Scheitern kurz nach dem Dienstantritt einen herben Dämpfer. "Diese schwere Niederlage tut uns sehr weh", sagte der Holländer. Mittelfeldspieler Fabian Ernst befürchtet, man werde am Ausscheiden "ein bisschen zu knabbern haben. Zum Schluss waren wir fahrlässig", resümierte Ernst, "im Großen und Ganzen waren wir heute wohl ein Stück zu naiv".

Die Extremrhetorik vor dem Anpfiff hatte ein Duell auf Leben und Tod angekündigt, mit den Alternativreisezielen Himmel oder Hölle. Schalkes medizinische Abteilung leistete den erstaunlichen irdischen Beitrag, Mittelfeldspieler Jermaine Jones (Syndesmosebandriss) fit zu bekommen, entgegen den Wasserstandsmeldungen vom Vortag, die eher beim schulterverletzten Stürmer Jefferson Farfán eine wundersame Schnellheilung in Aussicht gestellt hatten.

Farfán musste auf der Tribüne des Estadio Vicente Calderon Platz nehmen - Jones warf sich ins Getümmel. Sein Mitwirken als furchtloser "Dazwischenhauer" war gefragt angesichts der rauen Kampfhandlungen im Hinspiel und eines mit allen Wassern gewaschenen Gegners. Auf Olympia-Heimkehrer Rafinha verzichtete Schalke-Trainer Fred Rutten in der Verteidigungslinie. Nichts sprach dafür, die stabile Viererkette der ersten Pflichtspiele, mit Heiko Westermann an Stelle Rafinhas rechts hinten, auseinanderzureißen.

Doch schon nach 19 Minuten verlor diese Kette in Madrid ihre Unschuld. Einen Schuss von Atletico-Angreifer Diego Forlan köpfte Schalke-Kapitän Marcelo Bordon noch heroisch von der Linie, zu Gunsten seines geschlagenen Torwarts Schober - doch den von Perea unverzüglich wieder zu Mitte geflankten Ball köpfte der kleine Kreiseldreher Sergio Agüero, von allen guten Schalker Verteidigern verlassen, zum 1:0 ins Tor.

Agüero, ausgerechnet, der Trumpfjoker der Spanier - als Kopfballvollstrecker mit 173Zentimetern Körpermaß. Der 20-jährige Argentinier, der im Hinspiel gefehlt hatte, war mit olympischem Golddekor aus Peking nach Madrid zurückgekehrt. Ihm zu Ehren saß Diego Maradona fiebernd auf der Tribüne. Mit dessen Tochter Giannina ist Agüero liiert.

Ein Pfostenschuss von Simão riss den pummeligen Maradona in der 33.Minute erneut von seinem Schalensitz. Wenig war in dieser Phase zu sehen vom offiziellen Schalker Vorsatz, den Besitzstand des 1:0-Heimspielsiegs durch mutige Vorwärtsverteidigung bewahren zu wollen.

Und diesmal erwies es sich auch nicht als Vorteil, dass die Schalker mit warmgelaufenem Motor ins Duell eintraten, während in Spanien die Liga noch nicht begonnen hat. Nach beherzten Schalker Anfansgminuten war das 1:0 ein Bruch, Atletico übernahm mit flinker Flügelspielanlage das Kommando. Schalke hatte größte Mühe, in der Madrider Abendschwüle seine Reihen wieder zu sortieren.

Schöne Brustannahme von Raul Garcia, Schuss ans Außennetz - so begann Halbzeit zwei (47.). Wie gehabt. Kurz darauf gab Stürmer Forlan seine grandiosen Oberkörpermuskulatur zur Besichtigung frei, indem er sein 2:0 mit bewährtem Trikotstriptease feierte.

Flach jagte Forlan das Spielgerät nach einem kurzen Haken nach links aus 17 Metern ins entfernte Toreck, Schalkes Abwehrchef Bordon war im Gras ausgerutscht und konnte das Unheil nicht aufhalten. Damit waren die Blauen endgültig im Zugzwang, jetzt brauchte Schalke ein Tor. Beinahe wäre es gefallen, als sich Ernst und Kuranyi nach einer Westermann-Flanke gegenseitig behinderten, beide standen ungedeckt vor dem Tor (62.).

Diese Szene war das späte Signal zum Drängen und Aufbäumen. Heiko Westermann, nach Rafinhas Einwechslung (65.) ins Mittelfeld vorgerückt, scheiterte aus aussichtsreicher Position an Atletico-Torwart Franco (70.). Die Spanier schalteten kurzzeitig auf riskante Resultatsverwaltung um.

Doch ehe es zu einer tumultösen Schlussphase kommen konnte, drückte Luis Garcia eine weitere Agüero-Vorlage ins Tor - 3:0. In den Schlussminuten blieb den Schalkern nichts erspart. Christian Pander, im Hinspiel noch der Siegtorheld, rempelte Simão im Strafraum und sah für diese Notbremse Rot. Den fälligen Elfmeter verwandelte Maxi Rodriguez, Luis Garcia schoss nochmals an den Pfosten (92.), die Tribüne tobte. Neben dem Rasen stand Fred Rutten verschwitzt im weißen Kurzarmhemd. Er sah sehr traurig aus.

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(SZ vom 28.08.2008)