1860 München Endspiel bei 1860

Investor Hasan Ismaik droht mit Zahlungsstopp - der Zweitligist steht vor Lizenzentzug und Insolvenz.

Von Philipp Schneider

Hasan Ismaik hat seit seinem Einstieg beim TSV 1860 München vor vier Jahren schon einige denkwürdige Auftritte hingelegt. Einmal war er gerade erst seinem Privatjet entstiegen, als er noch am Münchner Flughafen den Rücktritt des damaligen Vereinspräsidenten Dieter Schneider forderte. Ein anderes Mal erschien er überraschend im Löwenstüberl, vor ausgewählten Fans hielt er eine Rede mit kabarettistischen Einlagen, um sozusagen das Volk zum Umsturz zu bewegen. Damals gab Ismaik die Pantomime eines Melkers an den Eutern einer Kuh. Er fühlte sich ausgebeutet, nicht länger wollte er Geld ausgeben für Entscheidungen des aus seiner Sicht unfähigen Personals an der Grünwalder Straße. Bizarr mochten seine Auftritte sein, doch zu dechiffrieren waren sie stets: Ismaik wollte mehr Macht. Diesmal aber ist alles viel komplizierter.

In der Nacht von Montag auf Dienstag schickte Ismaik den Journalisten, die am Sonntag zu ihm nach London gereist waren, um zu vernehmen, unter welchen Bedingungen er seine Anteile verkaufen würde (Fan-Stimmung gegen ihn, 38,3 Millionen Euro Kaufpreis) eine Mail mit einer "Ergänzung" zur Veröffentlichung. Deeskalierend wirken sollte der Zusatz auf die ohnehin angespannte Situation bei 1860 sicher nicht. "Ich bin nicht mehr dazu bereit", schrieb Ismaik, "neue Kredite zu geben oder alte Kredite in Genussscheine umzuwandeln, solange die Art und Weise, wie der Verein verwaltet wird, sich nicht ändert." Im März benötigt der Fußball-Zweitligist 1860 mal wieder ein Darlehen in Höhe von etwa fünf Millionen Euro zum Ausgleich seines defizitären Haushalts. Ansonsten droht der Entzug der Spiellizenz. Und im schlimmsten Fall die Insolvenz.

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Was bezweckt Ismaik?

1860 München gehört zu 60 Prozent Ismaik. Ginge der Klub pleite, verlören auch seine Anteile massiv an Wert. Wie ernst ist die Drohung also zu nehmen? Was bezweckt der Geschäftsmann, der am Sonntag von sich aus erzählt hat, ihm liege ein Übernahmeangebot für seine Anteile an 1860 in Höhe von 18 Millionen Euro vor? Handelt er möglicherweise aus der Überzeugung, dass der Bieterfamilie so viel an 1860 gelegen ist, dass sie aus Sorge vor einem Absturz des Traditionsvereins in die vierte Liga ihr Angebot verbessert?

Ismaik hat in London sehr ausführlich über Ulrich Bez gesprochen. Mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Aston Martin, der seit Sommer als Ismaiks Repräsentant in Sechzigs Beirat und Aufsichtsrat saß, hatte sich der Jordanier vergangene Woche zerstritten. Im Kern wirft Ismaik Bez vor, er habe als eine Art trojanisches Pferd gedient, installiert von der Vereinsführung, um ihn zum Verkauf seiner Anteile zu überreden - zu einem aus seiner Sicht viel zu niedrigen Preis. "Mit der Zeit habe ich herausgefunden, dass dieser Beirat einzig und allein deshalb zum Klub gekommen ist, um Einblick in die Finanzen zu bekommen", sagte Ismaik. Bez habe ihm eine SMS geschickt mit dem Inhalt: "Am besten verkaufst du. Hier noch mal die Telefonnummer von der Käuferfamilie."

Schon nach kurzer Zeit sei ihm klar geworden, dass Bez "doch nicht so viel Zeit in München verbringt, wie er es angekündigt hatte. Und er hat mir schon im Oktober eine Mail geschickt: Die sportliche Situation sei hoffnungslos. Um die zu ändern, müsste ich mindestens 20 Millionen Euro investieren. Und da 50+1 noch immer Bestand hat, hat er mir zum Verkauf geraten." Schwere Vorwürfe erhebt Ismaik auch gegen Siegfried Schneider, den ehemaligen Übergangspräsidenten von 1860, der der Spiritus Rector des geheimen Übernahmeplots sei. "Schneider ist noch immer aktiv im Hintergrund und kontrolliert alles."

Ismaik wolle eine klare Botschaft senden

Nach SZ-Informationen hat sich Ismaik auf Anraten von Bez am Rande seines legendären Gute-Laune-Besuchs im November (Besuch in der Arena, Besuch im Grünwalder Stadion, Besuch beim Oberbürgermeister) mit Stellvertretern der Bieterfamilie getroffen. Er habe Ismaik "Leute vorgeführt, die interessant sind, und auch andere Optionen", hat Bez vergangene Woche der SZ gesagt. Ismaik hat sich vor allem daran gestört, dass sich die Interessenten nicht persönlich mit ihm an einen Tisch gesetzt haben. Daher wolle er "eine klare Botschaft senden: Es braucht nicht die ganzen Machenschaften hintenrum, um mir ein Angebot zu unterbreiten - das ist beschämend." Möglicherweise erhofft sich Ismaik, mit der Androhung des Zahlungsstops etwas mehr Schwung in die Kennenlernphase mit den Investoren zu bringen - deren Namen er trotz hartnäckiger Nachfragen nicht verriet. Er weiß, dass im Falle von 1860 ein Verkauf der Anteile nur gelingen kann, wenn der potenzielle Käufer bis zur Einigung in der Deckung bleibt und sein Interesse notfalls auch dementiert.

Neue Kredite gebe es jedenfalls erst, wenn die Weise geändert werde, auf die 1860 verwaltet wird, droht Ismaik nun. Die Verwaltung von 1860 obliegt den Geschäftsführern Markus Rejek und Noor Basha. Bis heute habe er "nicht die Chance erhalten, die verantwortlichen Leute selbst auszusuchen. Ich will Leute, die wirklich helfen." Wer im Sommer dachte, Ismaik lasse sich mit der Beförderung seines Cousins Basha zum Geschäftsführer besänftigen, sieht sich nun getäuscht. "Noor ist zwar Geschäftsführer, aber er muss alles mit Markus Rejek abstimmen. Und auch mit den Vereinsverantwortlichen", klagt er. Es sei sogar so: "Der Verein kontrolliert auch Noor."

Noch ist nicht klar, welches Spiel Ismaik gerade vorantreibt. Plant er den Verkauf? Plant er die vollständige Kontrolle? Sicher ist nur: Es läuft das Endspiel.