Motorsport Totalschaden am Ring

Mit einem hochriskanten und dubiosen Finanzierungsmodell wollte die Nürburgring GmbH ihren Freizeitpark bauen, um die Verluste aus dem Formel-1-Geschäft auszugleichen.

Von Christoph Hickmann

Es war ein kurzer Auftritt, den Kurt Beck am Dienstagmorgen in der Mainzer Staatskanzlei absolvierte, ziemlich am Anfang bereits sprach der rheinland-pfälzische SPD-Ministerpräsident die entscheidenden Sätze aus: "Aus heutiger Sicht sage ich, wir hätten die Reißleine früher ziehen müssen. Dies nicht getan zu haben, war ein Fehler."

Dann erklärte er, was alle im Raum wussten: Finanzminister Ingolf Deubel habe seinen Rücktritt angeboten. Seit Montagabend war klar, dass die von Deubel angestrebte und stets energisch verteidigte Privatfinanzierung des Projekts "Nürburgring 2009" endgültig geplatzt war. Die "alleinige politische Verantwortung innerhalb der Landesregierung" liege bei ihm, sagte Deubel. Für ihn war es war das Ende eines langen Kampfes.

Bereits 2004 hatte die Nürburgring GmbH - zu 90 Prozent gehört sie dem Land, mit zehn Prozent ist der Landkreis Ahrweiler beteiligt - die Pläne für ein Geschäfts- und Freizeitzentrum präsentiert. Das ganze Jahr über sollte es Besucher in die strukturschwache Eifelregion locken. Im November 2007 machte Deubel, bislang auch Aufsichtsratsvorsitzender der Nürburgring GmbH, den Weg für das Projekt frei, das damals 215 Millionen Euro kosten sollte. Inzwischen sind es offiziell 252 Millionen. Die Nürburgring GmbH sollte von dieser Summe 158 Millionen Euro übernehmen, der private Investor Mediinvest 94 Millionen. Auch für diesen Teil aber muss nun offenbar größtenteils das Land einstehen.

Kopfschütteln bei der SPD

Anfangs überwog in der Debatte um das Projekt die Befürchtung, die Landesregierung baue in der Eifel eine Investitionsruine. Seit Monaten aber konzentrierte sich die Kritik auf das von Deubel vorangetriebene Finanzierungmodell. Misstrauisch machte von Beginn an die Undurchsichtigkeit des Vorhabens. Auch in den Reihen der SPD schüttelte man mehr und mehr den Kopf über den fachlich hochkompetenten Deubel, der immer wieder selbst gesetzte Fristen verstreichen ließ, zu denen privates Kapital bei der Nürburgring GmbH eingetroffen sein sollte. An diesem Donnerstag aber wird der neue Nürburgring offiziell eröffnet; am Montagabend lief die letzte Frist ab, noch immer war das versprochene Geld nicht eingetroffen. Deubel und Beck zogen die Reißleine.

Das Konstrukt klang abenteuerlich: Der Finanzdienstleister Pinebeck sollte die Immobilien der neuen Erlebniswelt für 170 Millionen Euro von der Nürburgring GmbH kaufen, hinzukommen sollte ein sogenannter Ertragsanteil aus dem angestrebten komplizierten Finanzdeal von 30 Millionen Euro. Die Nürburgring GmbH sollte die Immobilien für 27 Jahre zurückmieten; nach elf Jahren sollte es eine Rückkauf-Option geben. Deubel hatte stes für dieses Modell geworben, weil sich dadurch seiner Darstellung nach 50 Millionen Euro gegenüber der sogenannten Standardfinanzierung sparen ließen, die nun doch zum Tragen kommen muss.

Pinebeck wollte den Deal über ein Geschäft mit US-amerikanischen Lebensversicherungen finanzieren, so die offizielle Darstellung. Damit das Geschäft zustande komme, hieß es, müsse aber die Nürburgring GmbH zunächst ihre Liquidität nachweisen. Zu diesem Zweck flossen in einem ersten Versuch, das Geschäft abzuschließen, 80 Millionen Euro auf ein Nürburgring-Konto bei der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) in Zürich. Die LLB stieg dann jedoch aus, weil sie angeblich durch die öffentliche Debatte ihre Reputation beschädigt sah.

Später hieß es dann, Pinebeck mache den Deal mit den Lebensversicherungen gar nicht mehr selbst; stattdessen war nun von einem Investor aus den USA die Rede - laut Deubel "vermögend und nicht ganz unbekannt". Seit März jedenfalls liegen wieder 95 Millionen Euro Landesgeld in der Schweiz - wiederum angeblich, um Liquidität nachzuweisen.

Banken wussten Bescheid

Einfädeln sollte den Deal der Schweizer Geschäftsmann Urs Barandun; für ihn wurde das Geld in der Schweiz angelegt. Schon seit längerem hatte es Zweifel an seiner Reputation gegeben. Allerdings hatte sich das Land nach Recherchen des Südwestrundfunks dagegen abgesichert, dass Barandun auf das Geld zugreifen und es theoretisch veruntreuen könnte. Umso stärker drängte sich die bislang nicht beantwortete Frage auf, wozu genau er es brauchte. Am Montag meldete dann die Schweizer Zeitung Blick, Barandun stehe in Dubai wegen eines Streits um einen ungedeckten Scheck vor Gericht und habe dort drei Wochen in Untersuchungshaft gesessen- und noch immer war kein Geld da.

Am Dienstag sagte Deubel, die Vorwürfe gegen Barandun stünden "schon länger im Raum", sie seien "auch den Banken bekannt gewesen". Diese aber seien der Meinung gewesen, daran sei "nicht so viel dran wie behauptet". Man könne nun allerdings "nicht völlig ausschließen", dass es um "Handlungsweisen" gehe, die "in strafrechtlicher Hinsicht relevant" seien. Zwar sei von Barandun tatsächlich Geld gekommen - allerdings in Form von Schecks, bei denen "offen" sei, "wie werthaltig" sie seien.

Beck kündigte an, die Nürburgring GmbH werde umgehend sämtliche Verträge kündigen. Die Regierung habe sie zudem gebeten, "die Sachverhalte der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis zu geben". Die Rücküberweisung der 95 Millionen sei bereits veranlasst.

Krise? Welche Krise?

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