Defensive Mittelfeldspieler dominieren und machen die WM zur gut organisierten Ereignislosigkeit.
Es ist eine magere Zahl, und sie sagt doch fast alles über diese Weltmeisterschaft aus, die leider nur eine halbe geworden ist. Vor den beiden Endspielen um den dritten und den ersten Platz sind in den bisher 62 Spielen nur 141 Tore erzielt worden.
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Große Leistung gegen Togo: Patrick Vieira (© Foto: AP)
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Das sind im Schnitt 2,27 Treffer pro Partie - der zweitniedrigste Wert aller Weltmeisterschaften, nur 1990 in Italien wurde er noch knapp unterboten. Leider ist dies aber auch eine Zahl, die widerspiegelt, was man in den Stadien erleben konnte. Während die zumeist tolle Atmosphäre auf den Rängen in Erinnerung bleiben wird, verwischen sich schon jetzt die Unterschiede zwischen all den sehr ähnlichen Partien, während derer unten auf dem Platz anderthalb oder sogar zwei Stunden lang kein richtiges Spiel zustande kam. Oder eben nur ein halbes.
Wenn man davon ausgeht, dass Fußball aus den beiden Grundsituationen "mit Ball spielen" und "gegen den Ball spielen" besteht, dann ist in den letzten vier Wochen eigentlich nur der zweite Teil auf hohem Niveau erledigt worden. So ist es auch kein Zufall, dass mit Italien und Frankreich zwei Mannschaften das Finale erreicht haben, in denen vor allem überragende Defensivspieler stehen.
Und ebenso wenig verblüfft es, dass dies keine Weltmeisterschaft für angriffslustige Stürmer war oder für kreative Spielgestalter, sondern ein Triumphzug der defensiven Mittelfeldspieler.
Patrick Vieira inspirierte das französische Team mit einer großen Leistung gegen Togo zur Wende in diesem Turnier. Italiens Andrea Pirlo war herausragend nicht nur gegen Deutschland.
Auch Torsten Frings machte auf dieser Position großen Eindruck und wurde gegen Italien entsprechend vermisst. Owen Hargreaves war der große Gewinner im englischen Team. Der Portugiese Maniche wurde aus der Defensive heraus mit zwei Treffern sogar torgefährlichster Spieler seiner Mannschaft. Anatoli Timoschchuk mit dem wehenden Haar war in der ukrainischen Mannschaft der wichtigste Mann, und der ehemalige Mittelstürmer Dwight Yorke war es bei Trinidad & Tobago ebenfalls.
Nur ein Tor gegen Italien
Zumeist kamen diese so genannten Sechser nicht allein, sondern hatten einen Partner an ihrer Seite. Die Pärchen wurden zum so genannten Doppelsechser, und man erlebte dabei oft die Rollenverteilung, nach der einer von ihnen fürs Grobe zuständig war und der andere etwas feiner spielte, der eine offensiver und der andere etwas zurückhaltender.
So ist der bärbeißige Gennaro Gattuso der Abräumer neben Pirlo, und Claude Makelele nimmt neben Patrick Vieira eine ähnliche Rolle ein. Selbst in der deutschen Mannschaft gab es eine Verteilung nach diesem Muster, wenn sich der offensive Michael Ballack im Spiel gegen den Ball neben Frings stellte, um die Bemühungen des Gegners zu unterbinden.
Die große Bedeutung der Spieler vor der Abwehr ist in den letzten Jahren immer wieder beschworen worden. Einerseits entlasten sie die Abwehr, in dem sie gefährliche Pässe auf die gegnerischen Spitzen verhindern (was vor dem Turnier noch das große Problem der deutschen Mannschaft war). Zugleich sollen sie aber technisch so beschlagen sein, dass sie nach Eroberung des Balles umweglos eigene Angriffe einleiten können.
Weshalb man von ihnen verlangte, dass sie nicht nur kampfstark und zäh, sondern auch gute Fußballspieler sind. Andrea Pirlo bewies das mit der Vorlage zum entscheidenden ersten Tor im Halbfinale gegen Deutschland und Patrick Vieira ebenso, der mit zwei Toren und zwei Torvorlagen die Scorer-Wertung seiner Mannschaft anführt.
Wie gut viele Mannschaften defensiv gearbeitet haben, zeigt sich auch darin, dass Italien während des Turniers bislang nur ein Gegentor hinnehmen musste, Frankreich, Portugal und England zwei.
Die Schweiz schied sogar aus, ohne aus dem Spiel heraus bezwungen worden zu sein. Doch bei allem Respekt für die Defensivspezialisten ist es letztlich doch eine Pervertierung der Spielidee, wenn die Mannschaften nur noch auf den Platz gehen, um kein Gegentor zu kassieren. So war die Weltmeisterschaft 2006 letztlich eine der hoch organisierten Ereignislosigkeit, weil es am Willen zur Offensive fehlte.
Der zweite defensive Mittelfeldspieler wurde auf Kosten eines Stürmers eingesetzt. Drei Halbfinalisten (außer Deutschland) traten mit einer Dreierreihe vor den Wächtern der Defensive an, die zwar teilweise auch mit Spielern besetzt war, deren Mentalität eine von Stürmern ist, der Franzose Franck Ribéry oder Cristiano Ronaldo für Portugal.
Doch es bleibt etwas anderes, wirklich zwei Stürmer abzustellen. Eine Garantie für Offensivfußball ist aber selbst eine nominell offensivere Aufstellung nicht, denn im Viertel- und Halbfinale gab auch die Mannschaft des deutschen Trainers Jürgen Klinsmann dem Bedürfnis nach Sicherheit nach und zog sich oft mit acht oder neun Feldspielern hinter den Ball zurück.
Es besteht durchaus Anlass zu der Sorge, dass auch in der kommenden Bundesligasaison mehr Doppelsechser und vollgestelltere Mittelfelder zu sehen sein werden. Die meisten Trainer wissen, dass sie an Erfolgen gemessen werden und nicht an einem imaginären Spaßfaktor. Deshalb könnte der internationale Trend zum Spiel mit nur einer Spitze durch die WM eine Beschleunigung bekommen.
Vielleicht ist aber der Vereinsfußball auch der richtige Ort, um Wege aus dieser Enge zu finden. Der vor der Weltmeisterschaft beschworene Tempofußball braucht ein größeres Maß an Einübung als das bei Nationalmannschaften möglich ist. So wie es in anderen Ballsportarten schon lange üblich ist, Spielzüge richtiggehend zu lernen, um sie im Ernstfall unbewusst abrufen zu können, könnte einer der Wege sein.
Irgendwelche Endpunkte des Fußballs sind durch diese Weltmeisterschaft, so enttäuschend viele Spiele auch waren, jedenfalls so wenig erreicht wie man sich vor einer Defensivapokalypse sorgen muss. Die Entwicklungen im Fußball verlaufen nämlich zyklisch und dialektisch. Nach der torarmen WM in Italien regte Franz Beckenbauer vor 16 Jahren schon einmal entnervt an, man müsse wohl die Zahl der Spieler auf dem Platz von elf auf zehn reduzieren, doch vier Jahre später in den USA fielen plötzlich fast 20 Prozent Tore mehr.
Im Vergleich zu 2004 hingegen gab es jetzt einen gegenläufigen Trend, denn die Europameisterschaft in Portugal war noch ein Fest des Angriffsfußballs, selbst wenn mit den Griechen eine defensiv ausgerichtete Mannschaft gewann. Daher kann es schon bei der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich eine Gegenreaktion auf die Torarmut dieses Sommers geben, und vielleicht können dann auch wieder die Stürmer gepriesen werden.
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