Missbrauchsvorwürfe in Österreichs Skisport "So, heut' kommst du dran!"

Der SZ liegen eidesstattliche Erklärungen der Frauen vor, die ehemaligen Skifahrerinnen wollen aber anonym bleiben.

(Foto: imago, SZ-Grafik)
  • Ehemalige Rennläuferinnen berichten von schweren sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen in Ski-Internaten und Leistungskadern in Österreich.
  • Die Anschuldigungen reichen zum Teil 50 Jahre zurück, sie betreffen vor allem die Trainer-Legende Karl "Charly" Kahr, auch der Name Toni Sailer fällt.
  • Die Frauen berichten von einem Klima des Missbrauchs und einer Kultur des Wegschauens.
Von Johannes Knuth, Thomas Kistner, Claudio Catuogno und Ralf Wiegand

Unmittelbar vor den Olympischen Winterspielen in Südkorea wird die Ski-Nation Österreich von der Vergangenheit eingeholt. Es geht um schwere sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung, durch Trainer, Serviceleute, Funktionäre, in Leistungskadern und in Ski-Internaten. Die Anschuldigen reichen zwar zum Teil 50 Jahre zurück, aber sie betreffen Säulenheilige dieses Sports, Namen, auf denen die Ski-Nation ihren Ruhm aufgebaut hat.

Im November 2017 wurden erste Enthüllungen öffentlich. Der Süddeutschen Zeitung liegen nun neue Erklärungen von früheren Rennläuferinnen vor, in denen eine der prominentesten Figuren aus dem alpenländischen Skizirkus als Beschuldigter auftaucht: Karl "Charly" Kahr, einer der erfolgreichsten Trainer des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV). In seinem Dunstkreis fällt auch erneut der Name der Ski-Legende Toni Sailer.

"Ich weiß, dass ich nicht die Einzige war"

Die Vorwürfe gegen den heute 85-jährigen früheren Coach Kahr, der von 1966 bis 1970 die österreichischen Alpinfrauen trainierte, reichen von sexueller Nötigung bis zu Vergewaltigung. Die SZ hat Kahr mit Details zu drei konkreten Vorwürfen konfrontiert, erhoben von zwei Frauen, gestützt von einer weiteren. Über einen Anwalt ließ der frühere Star-Trainer mitteilen: "Namens und auftrags meines Mandanten habe ich Ihnen mitzuteilen, dass die gegen meinen Mandanten erhobenen Vorwürfe samt und sonders aus der Luft gegriffen sind und kein einziger der von Ihnen genannten Vorfälle jemals stattgefunden hat."

"Es war grausam, aber so war das damals eben"

Die frühere Skirennläuferin Nicola Werdenigg berichtet von Erniedrigungen und sexuellen Übergriffen in einem österreichischen Skiinternat in den siebziger Jahren, von einem Mannschaftskollegen sei sie vergewaltigt worden. Dem Verband wirft sie Tatenlosigkeit vor. mehr ...

Die erste ehemalige Spitzenathletin, die der SZ ihre Erinnerungen schilderte, war in den 1960er-Jahren ins Nationalteam des ÖSV hineingewachsen. Mit 16 Jahren war sie schon im Weltcup eingesetzt worden, Charly Kahr trainierte damals das Frauenteam. Die Rennläuferin sagt, ihr Verhältnis zu ihm sei gut gewesen - bis zu einem Vorfall, der sich so ereignet habe, wie sie ihn der SZ, untermauert mit einer eidesstattlichen Erklärung, schildert:

"Ich habe schon geschlafen, da ist Kahr auf einmal ins dunkle Zimmer gekommen und hat mich vergewaltigt. Ich habe ihn erst bemerkt, als er schon auf mir lag. Er war ganz sicher nicht betrunken. Ich hätte mich wehren sollen. Aber das traust du dich in dem Moment nicht. Er war mein Trainer, du hast zu ihm aufgeschaut als 16-jähriges Mädchen. Der Trainer hat ja immer eine besondere Rolle für die Jugend. Ich war jedenfalls total geschockt, da kannst du nicht um Hilfe rufen. Ich bin einfach dagelegen, habe keine Reaktion gezeigt. Er hat auch nichts gesagt, es hat sich alles im Dunkeln abgespielt. Ich hatte zum Glück keine Verletzungen. Aber ich habe die ganze Nacht geweint. Ich war ein junges Mädchen, ein bisschen dumm und unerfahren, da hat er diese Situation natürlich ausgenutzt."

Sie habe sich fürchterlich geschämt, sagt die ehemalige Rennläuferin, erst ein halbes Jahr später habe sie dann einer Teamkollegin davon erzählt. Diese Frau versichert der SZ ebenfalls per eidesstattlicher Erklärung, dass sie damals entsprechend informiert worden sei. Nach dem Vorfall, sagt die Rennläuferin, habe sie stets das Weite gesucht, wenn Kahr aufgetaucht sei. Heute sagt sie: "Ich weiß, dass ich nicht die Einzige war."

In Österreich war es die heute 59 Jahre alte Nicola Werdenigg, unter ihrem Mädchennamen Nicola Spieß in den 70er-Jahren Weltcup-Fahrerin und Olympia-Teilnehmerin, die im November 2017 als Erste das Schweigen überwunden hatte. Sie selbst sei Opfer einer Vergewaltigung geworden, erzählte sie der Tageszeitung Standard, sie habe ein "Klima des Missbrauchs" während ihrer aktiven Zeit und danach gespürt.

Kahr war 1972 als Abfahrtstrainer der Männer zum ÖSV zurückgekehrt und 1976 zum Cheftrainer aufgestiegen, nachdem er 1970-72 die britische alpine Frauennationalmannschaft betreut hatte. "Downhill-Charly" nannte ihn die Öffentlichkeit, vor allem wegen der Erfolge seines Schülers Franz Klammer.

Kahr wird von einer weiteren ehemaligen ÖSV-Athletin belastet. Ohne Namen zu nennen, hatte die Frau in österreichischen Medien bereits davon erzählt, wie sie Mitte der 1970er-Jahre von einem Trainer belästigt worden sei. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung nennt die einstige Sportlerin, die weiter anonym bleiben will, jetzt erstmals den Namen des Mannes, dem sie nach einem gemeinsamen Weltcup der Frauen und Männer im kanadischen Mont Saint-Anne nur knapp entkommen sei: Charly Kahr. Und den Namen desjenigen, der alles mitbekommen haben könnte: Toni Sailer.

Sie sei damals, im Winter 1976, über den Gang des Teamhotels in Québec gelaufen, als Kahr sie plötzlich in sein Hotelzimmer gezerrt und auf sein Bett geworfen habe, mit den Worten: "So, heut' kommst du dran!" Die Frau berichtet weiter: "Neben ihm war noch ein Bett, da lag der Toni Sailer drin, relativ besoffen, zwei leere Whiskeyflaschen neben ihm. Beide Flaschen von der Marke Red Label. Auf dem Nachttisch vom Kahr stand auch eine leere Flasche, auch Red Label. Ich glaube, Sailer hatte den Oberkörper frei, er hat auf jeden Fall gegrinst (...) Kahr hat mich am rechten Handgelenk festgehalten, er hat mir fast die Hand gebrochen. Irgendwie habe ich Kahr von mir runtergewälzt und mich losgerissen, ich hatte ja Gott sei Dank etwas Kraft."