Von Hans-Jürgen Jakobs

Zum Überflüssigsten in der modernen Welt gehört das Comeback von Michael Schumacher in der Formel 1. Doch der kriselnde Rennzirkus und der Mercedes-Konzern brauchen unbedingt wieder eine Attraktion. Und da kam der deutsche Veteran gerade recht.

Es war eine Titelgeschichte, die sich nach den Maßstäben des Spiegel verdammt schlecht verkaufte. In allen erdenkbaren Posen zeigte das Nachrichtenmagazin im Oktober jenen gealterten Autorennfahrer, der sich seit drei Jahren aus der Formel 1 zurückgezogen hatte - und der doch partout weiter von sich reden machen will.

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Ich fahre: Michael Schumacher. (© Foto: Getty)

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Wo Boris Becker Jahre zuvor vom Spiegel mit dem prägnanten "Ich" auf dem Titel promotet wurde, hieß es im Fall des manischen Automobilisten: "Ich lebe". Das stand über einem ellenlangen Interview, das so langweilig war wie eine Kreisfahrt mit dem Fahrrad auf dem Nürburgring. Michael Schumacher beschied die wissbegierigen Reporter, er sei "glücklich mit dem Leben". Aber er setzte hinzu: "Wer weiß, was in ein paar Monaten ist oder in einem Jahr?" Hier wurde ein wenig Neugier geschürt, das dann Bild mit einer Exklusivmeldung über den Sportler zum Feuerchen entfachte.

Nun ist, ein paar Wochen nach der Spiegel-Story, das Comeback des Noch-40-Jährigen perfekt, der 91 Mal ein Grand-Prix-Rennen gewann und nun noch einmal ins Cockpit steigt. Der geschmeichelt ist über das Interesse an seiner Person und lieber wieder aktiver Star sein möchte als ein Star in Rente. Der Stolz über das Weltinteresse an seinen Fahrkünsten und seinen Besinnungssätzen empfindet. Es war ja auch zu schön, dass sich schon Ferrari um die Dienste des Deutschen bemüht hat.

Jetzt erhält Mercedes den Zuschlag. Und "Schumis" Akku ist auf einmal nicht mehr leer. Aber wer braucht den nicht los lassen könnenden Veteranen der PS-Show wirklich?

Nie der glänzende Held

Die Wahrheit ist simpel: Der Rennzirkus mit den Boliden hat eine neue Attraktion dringend nötig. Die Wiederkehr von "Schumi" liefert PR frei Haus für eine sündteure Sportart, deren Sinnhaftigkeit sich angesichts von Klimakatastrophe und Wirtschaftsdesaster vielen nicht mehr erschließen will. Den vielen, die den Kopf geschüttelt haben über einen Quartals-Playboy wie den barocken Flavio Briatore, der seinen Fahrer absichtlich einen Unfall bauen ließ.

Zu den Skeptischen gehören inzwischen auch Weltfirmen wie BMW und Toyota, die den Ausstieg suchten. Wie soll man den Arbeitnehmer und Kunden jene vielen Millionen Euro für ein stinkendes Geschäft erklären? Für einen Geschwindigkeitsrausch, dessen Faszination eher etwas für Tempobolzer von gestern ist?

Michael Schumacher war nie der glänzende Held, der die Deutschen rührte. Er war eher das Sinnbild für deutsche Wertarbeit, zuverlässig wie ein glänzend programmierter Roboter. Einer, der siegt und siegt, und aus Steuergründen in der Schweiz lebt. Einer ohne Skandale und Leidenschaften - außer jener zum Sport. So jemand liebt man nicht. Man achtet ihn allenfalls.

Im Video: Der siebenmalige Weltmeister ist wieder auf Piste. Nach 1239 Tage Abstinenz will es der 40-jährige wieder wissen und kämpft für Mercedes um seinen achten Weltmeistertitel. Weitere Videos finden Sie hier

Er selbst sieht sich als "Symbolfigur" - dafür, wie man sich durch Sport, Arbeit, Disziplin und Hingabe etwas erschafft. Das sind die Sekundärtugenden der sechziger und siebziger Jahre.

Drei Jahre

Monatelang hat der "Kerpener", wie er in vielen Sportgeschichten genannt wird (fast so gut wie "Leimener"), die Nation mit seinen Nacken- und Wirbelgeschichten genervt. Die Folgen eines Motorradunfalls, die das Ferrari-Comeback verhindert haben, wurden ausgebreitet. Es würde vielleicht Jahre brauchen, bis alles ausgeheilt ist, hieß es.

Inzwischen will der Mann sogar drei Jahre lang in der Formel 1 mitmischen und beweisen, dass die Gesetze des Alterns nicht für einen wie ihn gelten. Dass Legenden unsterblich sind, so wie einst Niki Lauda, der 1979 in einem Anflug von Weisheit erklärt hatte, es sei ihm zu blöd, immer nur im Kreis herumzufahren und dann 1984 erneut Weltmeister wurde. Freilich war der Österreicher damals jünger als Schumacher bei dessen Rückkehr.

Schon warnt der Olympiaarzt Antonius Kass angesichts des Schumacher-Halswirbelbruchs vom Februar vor dem Comeback. Der reaktivierte Rennfahrer könne eigentlich nur verlieren, meint der Mediziner - doch wahrscheinlich gehört das Rätselraten um Schumachers Gesundheit zum großen PR-Baukasten rund um diesen Neustart. Wenn's nicht klappt, steht die Entschuldigung ja schon fest.

So lächerlich wie der große Muhammad Ali bei seinem allerletzten Comeback 1980 wird sich Schumacher schon nicht machen - der Boxer war trotz ärztlicher Warnungen gegen Larry Holmes in den Ring gestiegen. Auch der Schwimmer Mark Spitz blamierte sich, 20 Jahre nach Olympia München, 1992 mit dem Versuch, sich für die Olympischen Spiele in Barcelona zu qualifizieren. Dem Sport-Roboter Schumacher wird dergleichen nicht passieren.

RTL jubelt

Der Pilot kann's nicht lassen, vermutlich weil es mit anderen Lebensinhalten schwierig wird, wenn man schon in der Jugend die Welt nach den Abmessungen einer Kart-Bahn bemisst. Schumacher sorgt noch einmal für einen Marketing-Coup, dem viele Geschichten folgen sollen. Schon jubelt der Privatsender RTL, dessen Formel-1-Quoten zuletzt doch gelitten haben. Schumi ist wieder da! Seine Auftritte sollen die Einschaltquoten wieder auf das Niveau jener Jahre bringen, in denen die Fans ein rotes Käppi aufsetzten, sich vor dem Fernseher vereinten und die Siegmaschine Schumacher bestaunten.

Und natürlich Mercedes: Der Daimler-Konzern, den Jobabbau und kreative Einfallslosigkeit plagen, will ein Erfolgserlebnis - und intensivierte die Formel1-Anstrengungen offenbar im Bewusstsein, mit Michael Schumacher planen zu können. Die Hoffnung auf den guten Stern konnten auch zwischenzeitliche Auseinandersetzungen mit dem Henkel-Konzern nicht trüben, der partout dieses Business nicht sponsern wollte. Neuzugang Schumacher hat schon angekündigt, später "Markenbotschafter" für Mercedes zu werden.

Die Überschrift für das nächste große Interview schreibt sich übrigens wie von alleine: "Ich fahre".

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(sueddeutsche.de/hum)