Von Werner Bartens

Eine Fußball-EM wirft auch immer wieder medizinische Themen auf - schicksalhafte Verletzungen, komplizierte Diagnosen, unterhaltsame ärztliche Bulletins. Geschehnisse dieser Art werden in der Kolumne "Medizinball" untersucht. Heute: Ödem in der Leiste.

Die Leiste ist ein seltsames Organ. Sie kann sich nicht entscheiden. Eigentlich ist sie gar kein Organ, sondern eine Region, die aber etliche Kostbarkeiten - beim Mann etwa den Samenstrang - beherbergt. Mal gehört dieser wankelmütige Körperteil zum Rumpf, dann fühlt er sich eher dem Bein zugetan. Die Türkei kennt diese verzwickte Situation - der größte Teil des Landes gehört zu Asien, ein kleiner zu Europa.

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Den türkischen Nationalspieler Nihat plagt ein Ödem an der Leiste. (© Foto: AFP)

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Die Türken lässt diese Außenwahrnehmung ihres Land allerdings kalt. Sie sehen sich als Türkei und unterscheiden allenfalls zwischen Ost und West des Landes. Die Fußballer aus der Türkei gelten bei der EM mal als Außenseiter, mal als Geheimfavorit. Mittlerweile ist es so geheim allerdings nicht mehr, dass ihr unbändiger Einsatz sie in die Lage versetzt, sogar ein 0:5 in drei Minuten Nachspielzeit zu drehen, die der Schiedsrichter üblicherweise gibt.

Einer ihrer herausragenden Last-minute-Torschützen hat sich im packenden Viertelfinale gegen die Kroaten allerdings verletzt. Nihat plagt ein Ödem an der Leiste. Der Angreifer des spanischen Erstligisten FC Villarreal, der zwei EM-Tore für die Türken erzielt hat, fällt voraussichtlich sechs Wochen lang aus.

Ein Ödem an der Leiste ist so etwas wie ein rotes Warnlämpchen. Es zeigt an, dass etwas nicht stimmt - was genau, ist unklar. Der Leistenkanal grenzt unmittelbar an verschiedene Muskeln von Bein und Bauch an, die beim strammen Torschuss stark belastet werden können. Ein Ödem kann auch entstehen, wenn im Bereich der Leiste ein Muskel oder andere anatomische Strukturen entzündet sind. Womöglich wirkt es sich aber auch negativ auf die Psyche der Leiste und ihre Leistungsfähigkeit aus, wenn sie immer erst in der Nachspielzeit oder Verlängerung stark gefordert wird.

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(SZ vom 24.06.2008/mb)