SZ: Es mangelt an Selbständigkeit?
Anzeige
Sammer: Die Botschaft ist: Der Spruch von 1996 ,,Der Star ist die Mannschaft'', der ist nicht wahr.
SZ: Weil Sie damals der Star waren.
Sammer: Nein, nein, nein. Klinsmann, Helmer, Köpke, jeder hat seine Rolle gespielt. Wir hatten keine so starke Mannschaft, doch wir hatten Typen. Aber wenn der Spruch ,,Der Star ist die Mannschaft'' einfach nach unten transportiert wird, wird das zum Problem. Der gute Fußballer muss wissen, dass er ohne seine Mannschaft nichts ist. Aber der gute Fußballer macht den Unterschied aus. Er muss Selbständigkeit lernen. Wir müssen weg von der Gleichmacherei.
SZ: Um Fußballer vom Schlage Karl-Heinz Försters hervorzubringen?
Sammer: Mit den taktischen Möglichkeiten seiner Zeit hätte es der Karl-Heinz heute natürlich schwer. Das Spiel wird immer enger, die Mannschaften werden taktisch immer besser. Also müssen wir klüger sein. Ich muss oft schmunzeln, weil das ja häufig falsch verstanden wird: Was die Denkweise bei der A-Mannschaft (mit Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff) und meine Überzeugungen betrifft, liegen wir eng beieinander. Wir wissen, dass wir vorausdenken müssen. Das wollen wir jetzt harmonisieren. Um das zu besprechen, gibt es das Kompetenzteam.
SZ: Dieses Team, auch DFB-Sportvorstand genannt, tritt nächste Woche erstmals zusammen. Beteiligt sind Löw, Flick und Bierhoff, U21-Trainer Eilts, Trainer-Ausbilder Rutemöller, der designierte DFB-Generalsekretär Niersbach und Sie. Welchen Segen hat Deutschland von dieser Runde zu erwarten?
Sammer: Es ist gut und wichtig, sich miteinander auszutauschen. Kommunikation hat schon Kriege verhindert.
SZ: Warum ist dann der Eindruck entstanden, dass die Kommunikation mit Bierhoff so wenig funktioniert hat?
Sammer: Da wird immer versucht, aus gewissen Nuancen etwas darzustellen. Wenn ich alles auf den Punkt bringe, was bisher war, steht unter dem Strich: Das war schon sehr wenig. Kleinigkeiten. Und Fakt ist: Der DFB ist 106 Jahre alt. Aber er hatte noch keinen Sportdirektor. Und der Sportdirektor ist der Stratege im Haus. Das würde ich Ihnen gern als Botschaft mitgeben - wobei Hans-Dietrich Genscher gesagt hat: Mehr als eine Botschaft ist schon problematisch.
SZ: Ist trotzdem angekommen.
Sammer: Ich sehe halt den Gesamtzusammenhang, und dann heißt es vielleicht manchmal: ,Das betrifft doch die A-Nationalmannschaft, und die wird von anderen repräsentiert.' Aber da wiederhole ich mich: Wenn man schaut, wo liegen jetzt die Probleme, dann würde man nicht viel erkennen.
SZ: Dennoch scheinen sich Differenzen zwischen den Parteien Klinsmann/Bierhoff und Sammer aufgetan zu haben. Klären Sie uns auf: Wie war das Verhältnis 1996, wie ist es jetzt?
Sammer: Haben Sie von mir irgendwas gehört in letzter Zeit?
SZ: Sie müssen sich immer auf die Zunge gebissen haben.
Sammer: Aber ich weiß gar nicht, was ich alles erzählen muss für das, was ich eigentlich gar nicht gesagt habe.
SZ: Missverständnisse gab es dennoch. Etwa bei der Besetzung der beiden Stellen im DFB-Trainerstab, die Berufungen von Erich Rutemöller als U-20- und Horst Hrubesch als U-18-Trainer.
Sammer: Da gab es eine interne Besprechung mit Theo Zwanziger. Das war im Mai. Ich wollte ja keine Personalentscheidungen treffen, bevor ich mir ein richtiges Bild gemacht habe. Folglich war es auch nicht meine Entscheidung, dass Uli Stielike nicht mehr da ist. Danach habe ich gesagt: ,,Präsident, wir haben ein Vakuum. Was machen wir?'' Dann haben wir eine interne Lösung gewählt, es war eine gemeinsame Entscheidung im Haus, aber das hat kurz vor der WM niemanden interessiert. Ich kann mich nicht dafür verantwortlich fühlen, dass vielleicht nach der Weltmeisterschaft nicht optimal kommuniziert wurde, was längst Alltag war. Und eines hat man ja gerade wieder beim Fifa-Symposium in Berlin gesehen: Erich Rutemöller hat international ein unglaublich hohes Ansehen.
SZ: In der Öffentlichkeit kam an: Es gibt Streit zwischen Sammer und Bierhoff und Hierarchieprobleme im DFB.
Sammer: Aber ich bitte darum, klar zu unterscheiden: Ich habe mich dazu nicht geäußert und werde das auch nicht tun.
SZ: Sie und Oliver Bierhoff wohnen neuerdings beide im Großraum München, da könnte man ja künftig prima zusammenkommen.
Sammer: Ich möchte jetzt zum letzten Mal klarstellen: Von mir ist nicht ein Missverständnis dargestellt worden. Ich halte mich bisher zurück mit meiner Arbeit in der Öffentlichkeit.
SZ: Was wird im DFB-Sportvorstand beredet?
Sammer: Sportliche Dinge, Technisches wie Videobeobachtung, Diagnostik und die Gründung einer Spieler-Datenbank - und deren Steuerung in Zusammenarbeit mit den Klubs. Auch taktische Fragen. Aber jeder bleibt bei seinem Aufgabenbereich: Der Bundestrainer Joachim Löw mit seiner Mannschaft, Oliver Bierhoff als Manager und ich. Über gewisse Inhalte kann man diskutieren, davon können dann beide Seiten profitieren - aber es gibt auch Dinge, da wird nicht drüber diskutiert.
SZ: Weil es Grenzen für Zuständigkeiten gibt?
Sammer: Natürlich.
SZ: Sie haben gesagt, dass sich Ihre Ansichten mit denen von Löw und Bierhoff oft decken. Gilt das auch für Fragen des Spielsystems? Im Nationalteam propagiert man die 4-4-2-Ordnung als Richtlinie für alle DFB-Teams.
Sammer: Man muss darüber nachdenken, ob es richtig ist, einen 16-Jährigen in ein Schema zu pressen und ihm damit eine positionsbezogene Blindheit anzuerziehen, wie es etwa die Holländer gemacht haben. Da warne ich vor einer zu frühen Spezialisierung.
SZ: Es heißt doch immer, die Holländer seien Vorbilder mit ihrer in allen Altersklassen gültigen 4-3-3-Ordnung.
Sammer: Aber außer 1988 sind sie nie vor den Deutschen angekommen - okay, das war jetzt kein gutes Argument von mir. Das war populistischer Käse. Wichtig ist festzustellen: Die Holländer sind bei ihrem Grundsystem geblieben, aber sie variieren inzwischen. Nochmal: Nach der oberflächlichen Betrachtung sind alle gleich, und der Star ist die Mannschaft. Aber wenn wir diesen Inhalt transportieren, dann gehen wir kaputt.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
Kosovo-Konflikt