Von Philipp Selldorf

Sein Start als Sportdirektor war von vielen Missverständnissen geprägt: Matthias Sammer über sein neues Selbstverständnis, Karl-Heinz-Försters unvergängliche Tugenden und das Verhältnis zu Oliver Bierhoff.

SZ: Herr Sammer, als Sie in der vergangenen Woche mit DFB-Präsident Theo Zwanziger die Lausitzer Sportschule in Cottbus als erste deutsche ,,Eliteschule des Fußballs'' ausgezeichnet haben, war das ein Ereignis. Denn es war einer Ihrer seltenen öffentlichen Auftritte als Sportdirektor. Sie haben sich rar gemacht, seitdem Sie am 1. April Ihr Amt angetreten haben. Hatte das besondere Gründe?

"Ich bin Sportdirektor - ich bin Stratege"

Fußballstretege: Matthias Sammer. (© Foto: dpa)

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Sammer: Ich hielt es einfach für wichtig, mich mit dem Ist-Zustand zu beschäftigen und gewisse Dinge konzeptionell zu durchdenken. Es ist wichtig, dass das Tagesgeschäft funktioniert. Aber ich bin Sportdirektor, ich bin Stratege. Es geht hier um ein ganzheitliches und langfristiges Konzept, wir reden von 20 Jahren.

SZ: 20 Jahre?

Sammer: Warum 20 Jahre? Weil die, die uns in 20 Jahren zum Weltmeister schießen sollen, heute schon auf der Welt sind. Und ein strategisches Konzept mit Inhalten schreibt man nicht von heute auf morgen. Man muss eintauchen in die Tiefe - und nicht bei jedem Event dabei sein. Obwohl ich ja trotzdem viel gesehen habe: Die A-Länderspiele, die U-21-Spiele, viele Juniorenländerspiele.

SZ: Früher standen Sie jede Woche als Trainer im Rampenlicht, wie gehen Sie jetzt mit der Situation um?

Sammer: Die Frage ist, was man will. Nachdem ich mit 32 Jahren Trainer wurde und das fünf Jahre gemacht habe, habe ich überlegt: Soll das jetzt 25 Jahre so weitergehen? Da war für mich klar: Ich will erst mal raus aus dem Trainerberuf. Und dann kam die Idee des Sportdirektors und die Denkweise, Fußball im Gesamtzusammenhang zu sehen: von ganz unten bis ganz oben. Auch meine Kinder sind da ein Aspekt: Der eine Sohn ist vier Jahre alt, der andere elf, die Tochter 15. Da befasst man sich mit den Inhalten altersbezogen und erkennt einiges. Ein Beispiel. Meinem Vierjährigen habe ich mal gesagt: ,,Spring mal auf einem Bein.'' Mit rechts hat es super geklappt. Aber mit links? Nach zweimal war Ende - und das beim Sohn eines Fußballers. Dann habe ich ihm gesagt: ,,Jetzt lauf mal rückwärts.'' Ein paar Schritte in Schlangelinien - und dann ist er umgefallen.

SZ: Und das bereitet Ihnen Sorgen?

Sammer: Das meine ich, wenn ich von Inhalten spreche: Wer vermittelt es ihnen? Diese Fragen führen ja auch zu unseren Profis, und dann heißt es: Warum entstehen so viele Verletzungen? Das muss man doch mal gedanklich angehen. In Kindergärten und Grundschulen spielt Sport keine große Rolle mehr, das macht mir die allergrößten Sorgen. Wo bleibt die Bewegung? Die Kinder werden nur noch transportiert. Da sind alarmierende Krankheitsbilder entstanden.

SZ: Sie haben sich mit der Literatur zum Thema beschäftigt?

Sammer: Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt sich überall sehen. Oder man macht sich intensiv Gedanken.

SZ: Das bewegt Sie so sehr, dass Sie Ihren alten Trainerjob und die Aufregungen der Bundesliga nicht vermissen?

Sammer: Da ist auf jeden Fall etwas entstanden, und das ist für mich eine authentische Erfahrung, weil ich sie an meinen Kindern in allen Altersstufen erlebe. Eliteförderung darf nicht zu spät beginnen. Die beginnt im Kindergarten. Weil dort Grundlagen gelegt werden - und dabei geht's gar nicht um Fußball, sondern um eine ganzheitliche Entwicklung.

SZ: Und darum geht es in dem Konzept, an dem Sie gearbeitet haben? Theo Zwanziger hat daran besonders den gesellschaftlichen Ansatz gelobt.

Sammer: Intern haben wir da erst die Schwerpunkte plausibel gemacht. Demnächst wird es im DFB-Präsidium und Vorstand besprochen, denn die Leute dort wollen wir genauso mitnehmen wie die von der DFL. Ich möchte transparent arbeiten und auch die Öffentlichkeit bald informieren.

SZ: Das ist bisher noch nicht richtig geschehen. Als Sie im Frühjahr bei einer Tagung der ,,Stiftung Jugendfußball'' gesprochen haben, haben Sie den früheren Nationalspieler Karl-Heinz Förster zum Vorbild für die heutige Jugend ernannt. ,,Leute, die mal den Ball auf die Tribüne hauen - und den Gegner gleich mit'', wie Sie sagten. Das sollte ein Synonym für Leidenschaft sein, aber für viele Zuhörer klang es stark rückwärtsgewandt.

Sammer: Aber wenn Karl-Heinz Förster mit seinen Tugenden nichts mehr wert wäre, dann hätten wir in Deutschland ein großes Problem. Die Tugenden, die er verkörpert hat, sind Werte, die nach wie vor unglaublich wichtig sind: Wille, Durchsetzungsvermögen. Sicher war er kein riesiger Fußballer, doch wenn es um Persönlichkeit geht, dann ist es wichtig, dass der Spieler seine Stärken und Schwächen erkennt. Das ist die Grundlage. Individualisierung ist das, was wir beim DFB in den Jugendmannschaften vorantreiben wollen. Im Mittelpunkt steht die Spielfreude, immer! Und dann geht es um Siegeswille. Fitness. Technik unter Zeitdruck. Verständnis für Taktik. Aber wir müssen auch wissen, um das Beispiel aufzunehmen: Was ein Karl-Heinz Förster erreicht hat, dessen müssen wir uns nicht schämen.

SZ: Förster war damals der beste Vorstopper der Welt - aber da hießen die Innenverteidiger noch Vorstopper.

Sammer: Ich sage Ihnen aber: Eines hat in 1000 Jahren noch Bestand - das sind die Regeln des Anstands und des Durchsetzens.

SZ: Und dafür hat er gestanden?

Sammer: Dafür hat er gestanden. Und wenn wir das nicht mehr an unsere Jugendlichen weitergeben, die Regeln, die der Persönlichkeitsentwicklung dienen, dann habe ich Angst, dass wir falsche Botschaften vermitteln. Wir müssen für Werte stehen.

SZ: Das vermissen Sie also.

Sammer: Ganz genau. Da haben wir ein großes Problem. Nicht sportlich: Die Vereine bringen wieder viele Talente hervor, und die Jugendmannschaften sind sehr erfolgreich. Aber was ich bei den Spielen vermisst habe, das ist Persönlichkeitsentwicklung. Wenn die Spiele schwierig wurden, fand sich keiner, der Lösungen bereit hatte. Zum Beispiel bei der U17-Europameisterschaft: Die deutsche Mannschaft war klar die beste Mannschaft des Turniers. Dann ging's gegen Russland, die haben ein 9-1-System gespielt, kamen einmal vor unser Tor - und haben gewonnen. Man konnte nach fünf Minuten erkennen, dass es so läuft. Aber das selbst zu erfassen und wach zu sein, das müssen wir den Jungen wieder beibringen. Deshalb haben wir im DFB-Trainerstab entschieden, die Spieler ab der U16 auch wieder anders zu behandeln, einen Mannschaftsrat zu bilden und Typen, die dafür geeignet sind, mehr in die Verantwortung zu nehmen.

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