Von Christof Kneer und Moritz Kielbassa

Unbeeindruckt von der jüngsten Besserwisser-Debatte treibt der DFB mit Sportdirektor Sammer an der Spitze die Reform der Trainerausbildung voran.

München - Man würde natürlich schon gerne wissen, was der Fußballtrainer Matthias Sammer von dieser ganzen Debatte gehalten hätte. Matthias Sammer ist eine renommierte Stimme im Fußballgeschäft, wie Rudi Völler oder Oliver Bierhoff, und es hätte einen natürlich brennend interessiert, auf wessen Seite sich der Trainer Sammer geschlagen hätte. Vielleicht wäre auch eine knackige Schlagzeile dabei abgefallen, denn Sammer ist Sternzeichen Führungsspieler, Aszendent Feuerkopf. "Ich registriere die Debatte natürlich", sagt nun aber der DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, "ich möchte mich aber öffentlich nicht dazu äußern."

Matthias Sammer

Denkt sich seinen Teil zur Causa Völler/Bierhoff: Sportdirektor Sammer (© Foto: ddp)

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Matthias Sammer, 40, ist unter die Diplomaten gegangen, auch das ist eine markante Neuerung im deutschen Fußball. Sammer ist nun ein Führungsspieler mit Anzug und Krawatte, und als solcher wird er am Freitag ein Flugzeug besteigen, um vor der Sportministerkonferenz in Neubrandenburg über das neue Elite- und Ausbildungskonzept des DFB zu referieren. Vielleicht wird er in einer Kaffeepause erzählen, was er von Völlers Wut und Bierhoffs Gegenwut hält, aber offiziell zitieren lassen wird er sich auch dann nicht - obwohl er im dissonanten Chor der Stimmen die vielleicht glaubwürdigste wäre. Denn Sammer kennt beide Seiten wie kein zweiter - er galt einst als eher konservativer Trainer, und nun hat er es sich als DFB-Sportdirektor zur Aufgabe gemacht, exakt jene Strukturen radikal zu modernisieren, die ihn als Trainer erst hervorgebracht haben. "Ich denke, meine eigene Karriere ist ein gutes Beispiel", sagt Sammer, der davon ausgeht, "dass ich nicht als Besserwisser rüberkomme." Das ist ja der Vorwurf, den sich der DFB-Funktionärskollege Bierhoff gerade zugezogen hat, und Sammer glaubt, dass er immun ist gegen solcherlei Vorhaltungen. Er kann eine ziemliche Entwicklung für sich in Anspruch nehmen, und auf diese Weise ist der von der Klinsmann-Partei einst heftig bekämpfte Sammer für den DFB inzwischen sehr wertvoll geworden.

Denn unberührt von den aktuellen Besserwisser-Debatten treibt der Verband seine Reformen straff voran - und eine Reform der Trainerausbildung lässt sich am besten von einem verkaufen, der sich quasi selbst reformiert. "Den Trainer Sammer von damals würde es heute so nicht mehr geben", sagt Sammer. Er war ein großer Spieler, aber heute weiß er, dass das nicht zwingend reicht, um auch ein großer Trainer zu sein. "Ich habe vieles aus dem Bauch gemacht", sagt er, "aber mir hat im Umgang mit den Spielern manchmal noch die nötige Reife gefehlt und natürlich auch der wissenschaftliche Hintergrund."

Womöglich lässt sich dank Sammers Biographie verhindern, dass von den Ligatrainern bald ähnliche Brandreden zu vernehmen sind wie zuletzt vom Manager-Establishment. Denn im Grunde ist die geplante Reform der Trainerausbildung ein Misstrauensvotum gegen das, was die Ligatrainer gelernt haben. Im Grunde halten die DFB-Sportstrategen um Löw, Bierhoff und Siegenthaler ja nicht nur die Spieler, sondern auch die Trainer im Land für nicht modern genug ausgebildet.

Die Änderungen, die Oliver Bierhoff jüngst bereits in einem SZ-Interview skizzierte, befassen sich nicht nur mit der Dauer des Lehrgangs, der künftig eine ganze Saison umfassen soll - auch die Inhalte sollen grundlegend neu strukturiert werden. Nebenaspekte wie etwa Vereinsrecht sollen künftig, abgesehen von Grundkenntnissen, nicht mehr zum Lehrplan gehören, ebenso wenig medizinisches Spezialwissen - ist ein Spieler verletzt, ist ohnehin nicht der Trainer gefragt, sondern der Arzt oder Apotheker. Stattdessen soll die konkrete Coachingausbildung verfeinert werden, wobei Sammer gern externe Experten einbeziehen würde. Dem kicker hat er gerade verraten, dass er sich gut vorstellen könne, Arsenal-Trainer Arsene Wenger übers Offensivspiel referieren zu lassen, während der Liverpooler Rafael Benitez Defensivverhalten lehren könnte.

"Der Trainer ist der Schlüssel zu allem", sagt Sammer. Allzu lange hat sich die Bundesliga von Heißmachern & Feuerwehrmännern trainieren lassen, und beim DFB registrieren sie zufrieden, dass die Motivationstrainer langsam aus der Liga herauswachsen und eine neue Generation die Macht übernimmt. Auffällig oft gelobt werden Jürgen Klopp, Mirko Slomka oder Dieter Hecking, und die Biographie des Bremers Schaaf gilt gar als stilbildend. "Thomas ist den gesunden Weg gegangen", sagt Sammer - Schaaf diente lange im Unterbau, bevor er an die Spitze rückte. In diesem Zusammenhang steht künftig auch der berühmte Schnellkurs in Frage, der verdienten Profis bisher im Blitzverfahren die Trainerlizenz ermöglichte.

Im Moment ist der DFB dabei, seine inhaltliche Offensive auch personell zu flankieren. So wird Frank Wormuth künftig statt des altgedienten Erich Rutemöller die Trainer-Akademie leiten; Wormuth ist ein alter Vertrauter von Löw, ebenso Marco Pezzaiuoli, der jetzt die U-16-Auswahl des DFB trainiert. Beide waren einst Löws Assistenten, Wormuth bei Fenerbahce Istanbul, Pezzaiuoli beim KSC.

Die demokratische Besetzung der verbandsinternen Trainerposten zeigt auch, dass die einst rivalisierenden Lager inzwischen schlüssig kooperieren. Auch Sammer hat ja jetzt zwei Gefolgsleute aus Dortmunder Zeiten in Stellung gebracht: Heiko Herrlich verantwortet die U 18, Steffen Freund amtiert als Co-Trainer bei der U 20. "Wenn ich politisch denken würde, hätte ich Frank Wormuth gar nicht einstellen dürfen", sagt Sammer amüsiert. "Aber die Zusammenarbeit mit Joachim Löw und Oliver Bierhoff ist inzwischen wunderbar, es geht nicht mehr darum, wer sich öffentlich besser positioniert. Es geht nur noch um Inhalte." Man darf gespannt sein, ob die Liga das genauso sieht.

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(SZ vom 22.11.2007)