Markus Deibler Aus dem Becken in die Freiheit geflüchtet

Neue Ziele in der Eisdiele: Markus Deibler denkt jetzt nicht mehr an Weltrekorde, sondern daran, den Vertrieb an Großkunden auszubauen.

(Foto: PR)

Nach seinem Weltrekord beendete der Schwimmer Markus Deibler überraschend seine Karriere - mit nur 25 Jahren. Er kritisiert aber weiter das deutsche Sport-System und kümmert er sich nun intensiver um seine Eisdiele.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Markus Deibler geht dieses Jahr auch wieder hin zu den Deutschen Schwimm-Meisterschaften in Berlin, und er ist gespannt, wie es ausgehen wird für ihn. Einen Titel wird er dort nicht gewinnen, das ist klar, denn er ist ja nicht am Start. Aber wie das Ereignis seine Seele berühren wird - das kann Markus Deibler noch nicht sagen. Die Titelkämpfe, die an diesem Donnerstag im Berliner Europa-Sportpark beginnen, sind die ersten seit dem furiosen Finale seiner Athletenkarriere mit WM-Gold, Weltrekord und Überraschungsrücktritt.

Zum ersten Mal, seit er sich zurückgezogen hat aus dem zehrenden Trott des Hochleistungssports, setzt er sich wieder dieser flirrenden Atmosphäre eines großen Wettkampfs aus, die er eigentlich immer gemocht hat. "Mal sehen, wie es vor Ort ist", sagt Markus Deibler. Vielleicht kommt doch noch so ein Gefühl von Wehmut auf.

Andere Schwimmer würden viel dafür geben, das Talent von Markus Deibler zu besitzen, und bestimmt würden sie schwören, niemals derart verschwenderisch damit umzugehen, wie Deibler das getan hat. Gerade als leidenschaftlicher Amateursportler fällt es schwer, so einen Rücktritt nachzuvollziehen, bei dem sich ein potenzieller Olympia-Medaillengewinner ohne Not aus den Höhen seines Schaffens reißt. Die Besten der Besten leben den Traum des Otto Normalathleten, das stimmt schon. Auf der anderen Seite darf man sich so ein Leben als Profi im olympischen Kernsport nicht zu romantisch vorstellen.

Endlich ein selbstbestimmtes Leben

Markus Deibler, 25 Jahre alt, ist das leibhaftige Beispiel dafür, wie ein Sportler in die Freiheit flüchtet, der gerade wegen seines Talents kein selbstbestimmtes Leben führen konnte.

Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) muss sich im Winter ziemlich ausgebremst gefühlt haben. Vom Erfolg ist er nicht gerade verwöhnt, da war es eine schöne Abwechslung, dass Markus Deibler am 7. Dezember bei der Kurzstrecken-WM in Doha über die 100 Meter Lagen nicht nur gewann, sondern in 50,66 Sekunden auch noch einen neuen Maßstab setzte. Weltrekord. Die 100 Meter Lagen sind nicht olympisch, Siege im 25-Meter-Becken grundsätzlich nicht so maßgeblich wie Medaillen im doppelt so langen Bassin. Trotzdem. Markus Deibler, Olympia-Achter von 2012, WM-Neunter von 2013 und EM-Vierter von 2014, stand plötzlich als neue Hoffnung für die Spiele in Rio 2016 da. Und dann erklärte ausgerechnet dieser Deibler neun Tage später, dass er genug habe.

So schnell ist dem DSV wahrscheinlich noch nie ein Weltmeister abhanden gekommen, und Bundestrainer Henning Lambertz zog daraus den Schluss, dass er wieder mal eine bessere finanzielle Unterstützung anmahnen müsse. "Andere Nationen wie Griechenland, Ungarn oder Russland zahlen ihren Medaillengewinnern eine lebenslange Rente von mehreren Tausend Euro", sagte Lambertz im Fachmagazin Swim, "ich könnte schwören, dafür würde Markus Deibler jetzt noch schwimmen."

Da ist was dran. Markus Deibler findet auch, dass deutsche Schwimmer für ihr Fulltime-Training mehr bekommen müssten als nur magere Sporthilfe, mäßigen gesellschaftlichen Zuspruch und Druck. "Wir sind hier halt eine totale Randsportart. Außer bei Olympia, dann wollen wir die Erfolge haben", sagt Deibler, "aber richtig fördern wollen wir es nicht. Da müsste eigentlich mal eine Entscheidung her: Wollen wir Leistungssport oder nicht?"

Deibler sitzt in einem Steakhaus in Hamburg-Winterhude. Er hat sein Leistungstraining wirklich mit aller Konsequenz beendet, aber das sieht man seiner hünenhaften Figur noch nicht an. Nach der Rücktrittserklärung hat er zum ersten Mal seit Jahren vernünftig Silvester gefeiert und dann Urlaub in Sri Lanka gemacht. Erst Ende Januar ist er wieder mal geschwommen, allerdings widerwillig. Er muss abtrainieren, damit sein Hochleistungsherz sich allmählich an die geringere Schlagzahl gewöhnt. Eine Stunde Rad fahren, laufen oder schwimmen, täglich. Ohne ärztliches Gebot würde er das nicht machen. "Im Moment brauche ich keinen Sport, um zufrieden zu sein", sagt er.