Von Von Wolfgang Gärner

Das war eine harte Woche, erst in Zwiesel bekam die Skirennfahrerin Maria Riesch etwas Ruhe. "Es ging hoch her", sagt sie, "es kam Knall auf Fall", sagt ihr Vater Siegfried, "am Montag war es die Hölle", denn da war die 19-Jährige von ihren beiden ersten Siegen im Weltcup nach Hause gekommen. In der Garmischer Wohnung der Rieschs stand das Telefon nicht mehr still, es riefen an: Geschäftskunden der Firma Riesch (Kunststoff-Verpackungen), wildfremde Menschen, es ergingen Interview-Anfragen sowie Angebote einiger Vermarkter.

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"Der Rummel wird größer", hatte Maria Riesch schon eine Woche vor dem ersten Sieg gesagt, "aber ich genieße die öffentliche Aufmerksamkeit ja auch." Der Rummel wuchs an in einem ungeahnten Maß und kumulierte beim Pflichtbesuch der frisch entdeckten Siegfahrerin auf der Münchner Sportartikelmesse Ispo. "Es flacht schon ab", meldete der Vater nach diesem Medienereignis. Halbwegs vielleicht, berichtet Maria Riesch, "aber es ging durchaus heftig weiter", stets das Fernsehen auf den Fersen, weiter starke öffentliche Resonanz.

Eine Beruhigung der Situation verhieß Cheftrainer Wolfgang Maier für das Weltcup-Wochenende am Arber, der sportlichen Ausrichtung der Bayerwald-Rennen wegen: Torläufe, aber Maria Riesch, obschon hoch gelobt ob ihrer Vielseitigkeit, ist erst mal eine neue Speed-Queen. Siegfried Riesch: "In den zwei Disziplinen, die in Zwiesel gefahren werden, muss man die Kirche beim Dorf lassen"; brauchte sich die Tochter nicht unter Druck sehen bei ihrem ersten Start nach den tollen Tagen von Haus, sich über Rang 43 im Slalom ebenso wenig zu grämen wie über ihre Platzierung als 15. im Riesenslalom. Denn: "Im Riesenslalom hat sich für mich deshalb, weil ich einen Super-G und eine Abfahrt gewonnen habe, nichts geändert, da sind meine Erwartungen nicht höher als zuvor."

Dass sie schon wieder wie beim letzten Rennen dieser Disziplin Beste im Team und als Einzige platziert war, ist eher dem Missgeschick der gestürzten Kollegin Martina Ertl und der allgemeinen deutschen Schwäche im Riesenslalom geschuldet, dass sie aber bei jenem letzten Mal kürzlich in Maribor um elf Plätze besser abschnitt, sei atypisch gewesen: "Ein vierter Platz wie dort ist nicht mein Standard - da ist mir einer rausgerutscht." Das Wichtigste für sie bei Rennen dieser Sparte sei erst mal, das Finale zu erreichen, "damit ich weiter mit einer guten Startnummer fahren kann. Wenn ich im Riesenslalom bei den ersten 20 bin, ist es normal, ab Rang 15 ist es top."

Im Riesenslalom hat sie halbwegs Ruhe, wie in Zwiesel: Nur noch eine Hand voll Fototermine täglich, "ich konnte mich auf das Skifahren konzentrieren. Da tu ich mich noch schwer, weil mir die Routine abgeht, wie sie zum Beispiel Renate Götschl hat." Die Fragestellung kreiste nicht mehr um so sensible Dinge wie das Innenleben eines Teenagers, sondern reduzierte sich auf das Tagesgeschäft: Reicht es fürs Finale (dicke, wenn auch am Ende drei Sekunden Rückstand auf Siegerin Pärson zusammen gekommen waren). Kommt sie auf der mit Schlägen gepflasterten Piste zurecht? (Nicht nach Wunsch: "Man konnte sein Können nicht so zeigen wie normal - das sah man auch bei den ganz Guten").

Die Welle der Hysterie würde so schnell verebben, wie sie losgebrochen war, hatte Wolfgang Maier prophezeit, der trotzdem "versucht, die Dinge so zu koordinieren, dass sie nicht ertrinkt in der Welle". Die Gefahr, dass sie vorübergehend die Orientierung verlieren könnte, war zumindest bei ihrem Ispo-Auftritt spürbar. Freilich: Riesch wirkt für ihr Alter sehr gefestigt, "sie braucht keinen Schutz", sagt ihr Vater, "da kommt sie durch", und könne sich immer noch auf die Familie zurückziehen.

Aber die Gepflogenheiten des Geschäfts sind unerbittlich: "Der Sport lechzt nach neuen Gesichtern. Zurzeit gibt es davon wenige. Und Maria Riesch bringt alles mit was es braucht, um für die Medien interessant zu ein." Groß, blond, frisch. Überraschend, dass die Yellow Press noch nicht einstieg: Brauchen die länger? Oder wollen die mehr? Das Privatleben der jungen Frau gibt noch wenig her: Kein Freund, angeblich, kaum Kontakt zum gleichaltrigen alpinen Jungstar Felix Neureuther, obwohl der bloß drei Straßen weg wohnt, fünf Minuten zu Fuß.

Reizvoll bleibt dadurch vor allem die Frage, wie und von wem der sportliche Erfolg in Bares umgemünzt werden soll. Bisher hat sich der Vater darum gekümmert, als die Situation sich binnen drei Tagen geändert hatte, meinte er: "das möchte ich mir jetzt nicht mehr anmaßen", sondierte die Angebote von einer Handvoll Vermarkter und fand reizvoll vor allem das eines in Deutschland führenden Beraters, der erst mal nicht genannt werden solle und nicht sonderliche viele Sportler im Portefeuille habe: "im Wesentlichen einen guten Tennisspieler und einen guten Schwimmer", was stark auf die Herren Haas und Rupprath und ihren Manager Stefan Füg von der Firma IMG hindeutet. Unterschrieben sei aber noch nichts, er prüfe weiter, "auch, ob wir überhaupt jemand nehmen", sagte Siegfried Riesch und schaute dann ganz entspannt beim Rennen zu. Die Prophezeiung war eingetroffen: In Zwiesel hatten sie ruhige Tage, endlich mal wieder.

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(SZ vom 9.2.2004)