Marathon-Rekordler Arne Gabius "Wir haben uns sehr lange selbst Grenzen gesetzt"

Am Ziel: Der 34-Jährige holte beim Marathon in Frankfurt den deutschen Rekord.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Arne Gabius ist der schnellste deutsche Marathonläufer. Der 34-Jährige erklärt im Interview, wie man einen Körper für die Langstrecke umbaut - und beklagt das deutsche Anti-Doping-System.

Von Johannes Knuth

Die ersten Nächte danach waren ziemlich hart für den Marathonläufer Arne Gabius. Nicht, weil es dem 34-Jährigen an Müdigkeit mangelte nach seinem Marathon am vergangenen Wochenende in Frankfurt, seinen 2:08:33 Stunden über 42,195 Kilometer. Nein, erklärt Gabius, er sei zu müde zum Schlafen gewesen. Also habe er sich sein Rennen während einer dieser schlaflosen Nacht noch einmal angeschaut. In voller Länge. "Manchmal", sagt Gabius, "kriegt man von seinen eigenen Läufen ja gar nicht alles mit."

Allzu lange konnte sich Gabius mit dem Videostudium allerdings nicht die Zeit vertreiben. So schnell wie am Wochenende hatte ja noch kein deutscher Läufer einen Marathon hinter sich gebracht, weshalb der gebürtige Hamburger nun auch im Besitz des deutschen Rekordes ist, den der Dresdener Jörg Peter 1988 in Tokio gelaufen war. Es war ein mutiges Rennen, sie waren schnell losgelaufen, zwischendurch war sich Gabius nicht so sicher, ob seine Kräfte ihn bis ins Ziel würden tragen können.

"Mein deutscher Rekord ist noch ausbaufähig"

Am Ende habe er dann aber doch die Erkenntnis gewonnen, "dass ich dieses Tempo nicht nur durchstehen kann, sondern dass mein deutscher Rekord noch ausbaufähig ist", sagt er der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung. Was man lange Zeit keinem deutschen Läufer zugetraut hatte. Wofür Gabius aber vor allem die deutschen Läufer selbst verantwortlich macht: "Ich glaube, wir haben uns sehr lange selbst Grenzen gesetzt", sagt er.

Bei der neuen Generation sieht er das allerdings ein wenig anders. Philipp Pflieger und Julian Flügel zum Beispiel, die hätten sich in seinem Sog zuletzt enorm verbessert. Beide hatten vor einem Monat in Berlin die Norm des Weltverbands zuletzt erfüllt, die strengeren Kriterien des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) aber verfehlt. Gabius empfiehlt dem DLV, beide trotzdem für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio zu nominieren. "Wir nehmen den Athleten die Chance, zu überraschen", sagt Gabius. "Wenn man 1985 vor Wimbledon zu Boris Becker gesagt hätte, komm, du hast eh keine Chance aufs Achtelfinale - dann hätte es die Geschichte vom 17-jährigen Jungen aus Leimen nie gegeben."

Gabius kritisiert das deutsche Anti-Doping-System

Beim Anti-Doping-Kampf des organisierten Sports sieht Gabius großen Nachholbedarf - auch in Deutschland. "Wir sollten nicht mit dem Finger auf andere zeigen, unsere eigenen Hausaufgaben aber selbst nicht erledigen", bekennt der 34-Jährige mit Blick auf die jüngsten Dopingfälle in Afrika. "Die Anti-Doping-Agentur Nada ist in Deutschland nicht unabhängig", glaubt Gabius - weil Politiker im Aufsichtsrat säßen und ehemalige Sportler dort arbeiteten: "Und wenn ehemalige Sportler Dopingtests oder Fälle aktueller Sportler bearbeiten - da besteht zumindest die Möglichkeit, dass die Unabhängigkeit der Behörde gefährdet ist. Das darf nicht sein."

Gabius beklagt auch, dass Sportverbände nur bedingt bereit seien, Geld in den Anti-Doping-Kampf zu investieren. Dabei könnten bessere Testmethoden den Generalverdacht eindämmen, dem sich viele Athleten ausgesetzt sähen, insbesondere nach den jüngsten Doping-Enthüllungen der ARD. "Das trifft vor allem uns saubere Athleten", findet Gabius. Er spüre einen großen Druck, sich rechtfertigen zu müssen. Auch deshalb habe er vor der Leichtathletik-WM im Herbst in Peking seine Blutwerte veröffentlicht. "Aber irgendwann sind die Athleten genug belastet", sagt Gabius.

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