Nach 0:1 gegen Mexiko Neuer ist nun als Kapitän gefordert

DFB-Kapitän Manuel Neuer (r.) muss Aufbauarbeit leisten.

(Foto: REUTERS)
Von Christof Kneer, Moskau

Eine Weltmeisterschaft kann sehr lange dauern, sieben Spiele sind es im Idealfall, aber dieses Turnier lässt einem nicht viel Zeit. Es dauerte nur zwei Minuten, bis es zu jener Szene kam, auf die die Fußballnation seit Monaten ängstlich gewartet hatte. Manuel Neuer rannte aus seinem Tor, und dann ging es nicht mehr anders: Er musste jenes Körperteil zum Einsatz bringen, über das seit Monaten ausführliche medizinische Abhandlungen verfasst wurden. Neuer nahm also den dreimal gebrochenen linken Mittelfuß, um einen Ball aus der Gefahrenzone zu treten, und was soll man sagen: Nichts knirschte, nichts splitterte, nichts brach.

Hummels wählt den Harakiri-Zweikampf

mehr...

Das wäre nun ein rechter Grund zur Freude gewesen, man konnte in diesem Moment ja noch nicht wissen, dass es weniger der Mittelfuß war, der für den Rest des Spiels im Mittelpunkt stehen sollte, sondern die Gefahrenzone. Es war ja nicht das letzte Mal, dass Neuer aus seinem Tor heraus gestochen kam und eines seiner zahlreichen Körperteile zur Anwendung brachte. Wenn man es positiv ausdrücken will, könnte man es so formulieren: Der Kapitän Manuel Neuer ist bei seinen Kollegen offenbar sehr beliebt, die Kollegen waren jedenfalls sehr fürsorglich und gaben sich jede auch nur denkbare Mühe, um ihren Manu gut ins Spiel kommen zu lassen. Sehr rührend gingen sie zur Seite, wenn die Mexikaner durchs Mittelfeld sausten, sie ließen sie kombinieren und schießen, so wie Herrera in der elften und Chicharito in der vierzehnten Minute.

Und so durfte man schon nach einer Viertelstunde Erfreuliches bilanzieren: Manuel Neuer sieht im Spiel meistens schon wieder aus wie Manuel Neuer - und es wäre wirklich sehr spitzfindig, sich zu überlegen, ob Neuer das 1:0 der Mexikaner an den besten seiner vielen sehr guten Tage vielleicht, vielleicht gehalten hätte. Insgesamt wirkt der Welttorhüter schon wieder so seriös und geschmeidig, als sei er nicht acht Monate, sondern vielleicht acht Minuten weg gewesen, mal eben die Handschuhe wechseln oder so.

Sorgen machen fast alle anderen

Auch wenn man das selbstverständlich nie beweisen kann, schien sich die These der letzten Weltmeisterschaft wieder zu bestätigen: Die Gegner haben Angst - oder mindestens Respekt - vor diesem Torwart. Sie sind anders, wenn sie vor dem 1,93 Meter großen Neuer stehen, dessen Ruf noch unheimlicher ist als seine Qualität. Auch die Mexikaner legten oft lieber noch mal quer, anstatt sich ins Duell zu wagen, oder sie schossen drüber, und man würde wirklich gerne feststellen können, was einem Schützen im Angesicht dieses mächtigen Menschen durch den Kopf geht.

Man kann also sagen: Das größte Sorgenkind der Deutschen macht den Deutschen keine großen Sorgen mehr. Aber okay, wenn man es nun genau nehmen würde, dann hätte diese Bilanz noch einen kleingedruckten Zusatz. In diesem stünde: Sorgen machen dafür fast alle anderen.

Neuer, 32, ist schon jetzt viel mehr gefordert, als ihm das lieb sein kann. Sein Torwartgespür hat er wieder zurück, aber so wie sich seine Vorderleute bei diesem WM-Auftakt präsentierten, wird Neuer im Quartier in Watutinki nicht nur Torwart, sondern auch ganz viel Kapitän sein müssen. Deutsche Mannschaften waren bei Turnieren immer dann erfolgreich, wenn sie intern klar geführt wurden, wenn sie glaubwürdige Chefspieler hatten, die sportlich unantastbar waren und es sich leisten konnten, auch mal eine Diskussion mit dem Trainer anzuzetteln. Im aktuellen Kader gilt das vor allem für Manuel Neuer, obwohl er sportlich natürlich noch nicht der beste aller Neuers sein kann.

Kann Manuel Neuer die WM in Russland spielen? Diese bange Frage wurde im Trainingslager in Südtirol täglich, stündlich, minütlich gestellt. Jetzt ist klar: Manuel Neuer muss dieses Turnier nicht nur einfach spielen, er muss es auch noch drehen und wenden.

Und er wusste, was jetzt auf ihn zukommt, als er nach dem Abpfiff seine Handschuhe auf den Stadionrasen schleuderte.

Es gibt Gründe, sich Sorgen zu machen

So ungeordnet, so hilflos wie gegen Mexiko hat eine deutsche Mannschaft lange nicht mehr gewirkt. Es drängt sich der Eindruck auf: Die älteste DFB-Elf seit 2002 hat schon vor vier Jahren den Gipfel ihres Könnens erreicht. Von Claudio Catuogno mehr...