Von Thomas Kistner

Der Europäische Fußballverband Uefa vermutet bei mehreren Spielen, dass in großem Stil Wetten manipuliert wurde. Jetzt ruft die Uefa die europäische Polizeibehörde Europol zu Hilfe.

Als der Hamburger SV Ende August mit einem 4:0-Sieg über Budapest in den Uefa-Cup einzog, herrschte Alarmstimmung in der Zockerbranche. In Asien, wo die großen Umsätze mit Fußballwetten gemacht werden, war der HSV schon am Morgen vor dem Spiel so eindeutig Favorit gewesen, dass es für einen Sieg mit zwei Toren Differenz pro Euro Einsatz nur noch 1,90 zu gewinnen gab.

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Uefa-Präsident Michel Platini: Der Fußballverband hat jetzt Europol zur Hilfe gerufen (© Foto: AFP)

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Im Laufe des Tages wurden immer größere Summen gegen die Ungarn gesetzt, die Quote brach zusammen: Der HSV musste nun schon mit drei Toren Abstand gewinnen, damit man für einen Euro noch 1,85 Euro bekam. Das Match verloren die Ungarn dann 0:4 - unter anderem durch ein skurriles Eigentor.

Londoner Buchmacher wiesen den europäischen Fußballverband Uefa auf die Verdachtsmomente hin. Peter Limacher, Chef der Uefa-Disziplinarkommission, fragte beim Frühwarnsystem Betradar in Kopenhagen nach, mit dem die Uefa kooperiert. Doch es ergaben sich keine Ermittlungsansätze.

Nun bestätigte Uefa-Präsident Michel Platini, dass der Europäische Fußballverband bei 15 Spielen den Verdacht hat, dass in großem Stil manipuliert wurde. Die Uefa will ein Zeichen setzen, indem sie die europäische Polizeibehörde Europol einschaltet. Sie will die Polizeiorgane dazu bewegen, dass sie Geldwäsche und Wettmanipulation in die "Bedrohungs- und Gefährdungsanalyse zur organisierten Kriminalität" aufnehmen.

Unbeherrschbares Metier

Das kündigte Peter Limacher der Süddeutschen Zeitung bereits im August an. Schon damals hatte die Uefa 15 Spiele der jungen Saison im Visier. Bevorzugte Tatorte: Osteuropa, der Balkan und das Baltikum. Im Herbst schickte die Uefa Unterhändler in europäische Ermittlungsbehörden, auch ins Bundeskriminalamt.

Zudem will die Uefa, erklärt Platini, 2008 mit der EU über Korruption und Geldwäsche konferieren. Das Metier ist ganz und gar unbeherrschbar für die Instanzen des Sports, die mit dem florierenden Wettspielbetrug in Fußball und Tennis genauso überfordert sind wie mit der anderen großen Betrugsform, dem Doping. Wettbetrug ist zwar das spektakulärere Thema, Geldwäsche aber das bedrohlichere.

Limacher beschreibt die typische Geldwäsche so: "Wenn noch bei einer Quote von 1 zu 1,05 Euro sehr große Geldmengen gesetzt werden", wenn es also nicht um Gewinn geht, sondern um Rückzahlung "sauberer" Einsätze. Im Wettbereich hingegen, meist gesteuert aus Asien, ist auch Europol meist machtlos.

Limacher: "Wenn jemand in Lettland über Konten in Russland spielt - wo ist der Tatort des Verbrechens?" Generell werde dort abgezockt, wo "wenig sportlicher Erfolgsdruck und öffentliches Augenmerk" herrschen, also vor allem in den Qualifikationsrunden zum Saisonstart wie dem UI-Cup.

Hier gibt es kaum TV-Präsenz, aber riesige Teilnehmerfelder mit chancenlosen Außenseitern. Auf der Verdächtigenliste soll aber auch eine Champions-League-Gruppenpartie rangieren, das Spiel Liverpool - Besiktas Istanbul, das mit 8:0 endete und bei dem nach SZ-Informationen heftig auf Sieghöhe gewettet wurde.

Dass die Uefa neue Wege beschreitet und sich, anders als der ähnlich bedrohte Weltverband Fifa, zur eigenen Machtlosigkeit bekennt, hat auch sportpolitische Gründe. Gerade Platini kann nicht Härte im Osten demonstrieren. Die Funktionäre dort waren es, die ihn im Januar mit knapper Mehrheit auf den Uefa-Thron hievten.

Zudem rückt die ganze Hemisphäre in den Fokus der Fußballwelt: Die EM 2012 vergab Platinis Uefa an Polen und die Ukraine - an zwei der berüchtigsten Verbände.

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(SZ vom 3.11.2007/aho)