Europol-Ermittlungen im Fußball Bierhoff nennt Ausmaß des Wettbetrugs "beängstigend"

Mehr als 380 Partien stehen unter Verdacht, darunter Spiele der Champions League: Europas Fußball droht der bislang größte Wettskandal. Fahnder der Polizeibehörde Europol ermitteln gegen Hunderte Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre. Die Bundesliga scheint von einem Skandal verschont zu bleiben.

Die Nachricht war kaum in der Welt, da war Europol von ihr abgeschnitten. Die Server der europäischen Polizeibehörde gingen unter dem Ansturm in die Knie. So war phasenweise nur die Einladung zu der Veranstaltung zu lesen, die den europäischen Profi-Fußball wohl noch lange beschäftigen wird.

Auf der Pressekonferenz in Den Haag verkündete Europol-Chef Rob Wainwright, seine Ermittler seien auf der Suche nach Wettbetrügern fündig geworden. Ein "ausgeklügeltes Verbrechersyndikat mit Sitz in Asien" habe Hunderte Spiele verschoben und damit Millionen verdient. "Das ist ein trauriger Tag für den europäischen Fußball", sagte Wainwright. "Wir konnten zum ersten Mal beweisen, dass die organisierte Kriminalität in der Fußballwelt operiert."

Fifa-Präsident Joseph Blatter schrieb bei Twitter, die Zusammenarbeit mit der Polizei habe im Kampf gegen Spielmanipulationen geholfen. "Ich wiederhole, das ist ein großes Problem, das Fußball und Regierungen lösen müssen." Oliver Bierhoff, Teammanager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, zeigte sich geschockt: "Wenn die Zahlen stimmen, ist das beängstigend."

Europol hat nach eigenen Angaben 13.000 E-Mails und "anderes Material" sowie polizeiliche Ermittlungen in "mehreren europäischen Ländern" ausgewertet. Auch V-Leute seien eingesetzt worden. Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Mehr als 380 Partien zwischen 2008 und 2011 gelten als verdächtig, darunter Spiele in Deutschland, Spanien, den Niederlanden und der Türkei. Es soll sich um Partien der WM- und EM-Qualifikation sowie Spiele europäischer Top-Ligen handeln. Hinzu kommen 300 verdächtige Spiele im nichteuropäischen Ausland.
  • Auch zwei Champions-League-Begegnungen stehen unter Verdacht. Eines dieser Spiele soll in Großbritannien stattgefunden haben, Details nannte Wainwright aus Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen nicht.
  • 420 Schiedsrichter, Klubfunktionäre, aktive und ehemalige Spieler in 15 Ländern sollen am Betrug teilgenommen haben. Drahtzieher sei ein Kartell in Singapur, so Europol.
  • Die Wettbetrüger sollen acht Millionen Euro gewonnen und zwei Millionen Euro als Schmiergeld gezahlt haben. Die BBC berichtet, dabei handele es sich allein um die Werte für Spielmanipulationen in Deutschland.

Nach SZ-Informationen geht die Deutsche Fußball-Liga (DFL) davon aus, dass es in Deutschland und der Bundesliga keine neuen Betrugsfälle gibt.

Die Nachrichtenagentur dpa hatte unter Berufung auf den zuständigen Bochumer Hauptkommissar Friedhelm Althans berichtet, in Deutschland stünden 70 Partien unter Verdacht - deutlich mehr, als bislang in Prozessen am Bochumer Landgericht abgehandelt worden waren. Dort waren der Wettpate Ante Sapina und ein Komplize wegen 51 manipulierter Spiele zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil jedoch auf.

Der Bochumer Oberstaatsanwalt Bernd Bienioßek sagte hingegen dem Sport-Informations-Dienst, jene 51 Spiele seien in den Europol-Erkenntnissen bereits enthalten. "Aus deutscher Sicht war das zum Großteil ein Fazit unserer Ermittlungen. Von neuen Fällen weiß ich derzeit nichts." Bienioßeks Kollege Andreas Bachmann, der in Den Haag vor Ort war, wies allerdings darauf hin, dass bei den derzeit untersuchten Fällen unter anderem deutsche Sportler "die Leidtragenden" seien.

Wainwright mahnte, die genannten Daten seien nur die "Spitze des Eisbergs". Die Manipulation habe ein "nie dagewesenes Niveau erreicht". Der Fokus der Ermittlungen liege jetzt auf Partien in niedrigeren Spielklassen in Europa.

Der Journalist und Wettexperte Declan Hill, dessen Buch Sichere Siege im Jahr 2007 die Fußballwelt aufgeschreckt hatte, begrüßte die Europol-Ermittlungen. "Das sind gute Nachrichten", schrieb der Kanadier in seinem Blog. Wichtig sei jetzt, die Verantwortlichen zu finden: "Asiatische Kriminelle reisen um die Welt und manipulieren Spiele. Das sind keine 'mysteriösen' oder 'unbekannten' Leute."

Die mutmaßlichen Anführer seien den Behörden in Singapur bekannt, klagt Hill. "Es ist an der Zeit sich zu überlegen, ob Singapur vom internationalen Fußball ausgeschlossen werden muss, bis sie internationale Haftbefehle ernst nehmen."

Den ausführlichen Text lesen Sie in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 05. Februar 2013.