Von Andreas Burkert

Wayne Rooney fällt für das Rückspiel gegen Bayern München aus. Nun bangt England um die WM-Form des Stürmers - die Einwohner sollen um rasche Genesung beten.

Um 0 Uhr 6 hielt England den Atem an, abgesehen natürlich von einer Horde britischer Fotografen, die jetzt rannten und drängelten, als habe ihnen jemand vom Hofbräuhaus eine schöne Auswahl kostenloser Kaltgetränke hingestellt. Aber an Bier war noch nicht zu denken, denn es näherte sich ihnen das große Geschäft für die Morgenzeitungen: ein Bild vom Knöchel der Nation. Ein Bild von Wayne Rooneys Knöchel. Man sah das rechte Fußgelenk des Superstars zwar nicht, er trug einen grauen Stützschuh, ein monströses Ungetüm aus Plastik. Rooney ging an Krücken, "how do you feel?", rief ihm ein Brite in dem wilden Getümmel zu, sie alle hatten ja doch nur auf ihn so lange gewartet.

Wayne Rooney

Der Moment des Schmerzes: Wayne Rooney knickt um. (© Foto: dpa)

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Wie es ihm geht, das war die Frage nach Manchester Uniteds dramatischer 1:2-Niederlage in München; es ging längst nicht mehr um Evras Fehler beim späten Siegtor des FC Bayern. Wayne Mark Rooney, 24, gab allerdings keinen Ton von sich, er schleppte sich raus zum schwarzen Van, den der FC Bayern samt Chauffeur zur Verfügung stellte. Er musste aber auch nichts sagen, man sah es auch so. Ihm ging es beschissen.

Es hatte so harmlos ausgesehen, diese letzte Szene in Rooneys Arbeitstag. Gut, am Ende dieser Szene schoss zwar Olic das 2:1, aber wie Rooney kurz zuvor am Mittelkreis dem dribbelnden Vorbereiter Gomez mit einem Ausweichmanöver freie Fahrt gewährt hatte, mit einem federnden Hüpfer, um eine Kollision zu vermeiden - das spielte sich abseits der allgemeinen Wahrnehmung ab. Minimal hatte Rooney wohl Gomez' Schuhe touchiert, und dann geschah es: Bei der Landung auf dem Grün knickte er um, und Rooney fuchtelte sofort hilfesuchend mit den Armen Richtung Auswechselbank. Aber noch lief das Spiel, ein paar Sekunden, bis Olic getroffen hatte.

"Betet!", stand am nächsten Morgen vorn auf dem größten Groschenblatt The Sun. Betet für England.

Als Mitfavorit für die WM in Südafrika galten die Engländer bisher. Daran hatten auch die jüngsten Verletzungen von United-Stürmer Michael Owen (Oberschenkel-OP) und des blondierten Mailänder Fußballmodels David Beckham (Achillessehne) wenig geändert. Fiele jedoch auch Rooney fürs Weltturnier aus, würde nichts Anderes als "Englands schlimmster Albtraum" (The Times) Realität werden. Auf der Insel reagierten sie nach dem Anblick ihres Helden an Krücken, wie das halt üblich ist: Die Wettquote auf einen englischen Sieg beim World Cup stiegen. 6 zu 1 statt 5 zu 1.

Bereits dreimal binnen sechs Jahren hat sich Rooney den Mittelfuß gebrochen; wie Ende April 2006, kurz vor der WM. Er schaffte es zwar ins Turnier, aber wirklich fit wurde er nicht mehr. In München erlitt er die zwölfte gravierende Fuß- oder Knöchelverletzung seiner Karriere. Dort unten, das sind die einzigen Schwachstellen dieses Athleten, der ansonsten aus schierer Kraft besteht, verteilt auf 178 Zentimeter und 80 Kilo.

Das Bulletin meldete diesmal: kein Bruch, aber eine schwere Verstauchung, zwei bis vier Wochen Pause. Zumindest England darf hoffen und beten.

Für United ist Rooneys Malheur jedoch eine kleine Katastrophe, man sah das ihrem Teammanager Alex Ferguson an, die bei ihm bekannte, äußerst lebensbejahende Röte im Gesicht changierte beim Thema Roo, wie sie ihn alle nennen, erkennbar ins Ungesunde. Denn Rooney fehlt nun Samstagmittag beim Topspiel gegen den FC Chelsea - und auch nächsten Mittwoch, im Rückspiel gegen die Münchner. Es ist Hamit Altintop gewesen, der Fergusons Nöte wohl am prägnantesten umschrieb, der Bayern-Profi sagte: "Ohne ihn, das ist extrem schwierig für die. Sie sind abhängig von ihm."

Das hat auch in München jeder gesehen an einem Abend, der so perfekt begonnen hatte, für Rooney und für United: Freistoß, Tor Rooney, nach 64 Sekunden, sein 34. im 40. Saisonspiel. Und der Sohn eines früheren Preisboxers aus Croxteth, Liverpool, beschäftigte die Abwehr um Daniel van Buyten, Sohn eines früheren Preiscatchers aus Chimay, Belgien, vor allem vor der Pause. Ein unwiderstehlicher Ein-Mann-Sturm. "Er ist ständig in Bewegung, geht zum Ball und auch in die Tiefe, er macht einfach alles", sagte van Buyten, der sich mit Nebenmann Martin Demichelis insgesamt ordentlich gehalten hatte. "Schnell, körperlich stark und immer an der richtigen Stelle", schwärmte Thomas Müller. Neben ihm stand seine Frau, sie raunte: "Das ist ein Tier."

Doch nun geht Rooney an Krücken. Dass der Abend eine seltsame Wendung nehmen sollte, mag er schon vor der Schlussminute geahnt haben. Denn von Rooneys Stiefelhacke prallte ja Ribérys Freistoß tückisch ab zum 1:1. Dann kreuzte Gomez seinen Weg, und hinterher verzögerte sich noch die Abfahrt ins Spital. Rooney war zur Dopingprobe ausgelost worden.

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(SZ vom 1.4.2010/jüsc)