Manchester City Willkommen im Klub des Irrsinns

Ufo-Ambiente: Trainer Pep Guardiola auf der Brücke, die das Stadion mit der futuristischen Akademie von Manchester City verbindet.

(Foto: imago)
  • Manchester City gibt für den Traum vom Erfolg nicht nur eine Menge Geld aus, sondern entfernt sich auch immer weiter von seinen Fans.
  • Der Klub treibt die Entfremdung derart voran, dass die Leute in Zukunft tatsächlich vorwiegend zu Hause bleiben könnten.
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Von Sven Haist, Manchester

Es würde einen ja schon interessieren, wie Pep Guardiola das findet, dass sein taktischer Plan bei Manchester City ab dieser Saison vor jedem Heimspiel ausgeplaudert wird. Guardiola gilt bislang als ein Geheimniskrämer, der möglichst jeden öffentlichen Dialog vermeidet. Hat er also den Überbringer der Nachricht, das Geheime nun nicht mehr geheim zu halten, der Unfähigkeit bezichtigt, wie er das manchmal mit Schiedsrichtern macht? Oder hat er top, top, top gesagt, weil er ja oft top, top, top sagt, auch wenn er es gar nicht so meint? Oder hatten die Klubchefs dem Trainer die Entscheidung verschwiegen? In der Hoffnung, Guardiola würde das sowieso nicht merken, weil er genug mit jenem taktischen Plan beschäftigt ist, der künftig auch Kunden zum Kauf von Logenkarten animieren soll?

Zu Saisonbeginn hat Manchester City einen neu erbauten Spielertunnel aus halbdurchlässigem Glas präsentiert. Die Idee kommt aus dem US-Sport und findet sich jetzt erstmals im europäischen Fußball. Dort gilt der Kabinentrakt, ebenso wie die Umkleide, bislang als Heiligtum. Doch bei City können Karteninhaber des neu gegründeten Tunnel Club jetzt die Spieler beim Gang aus der Kabine auf den Platz beobachten. Umgekehrt ist das nicht der Fall, die Scheibe liefert den Spielern lediglich ihr Spiegelbild.

"Ich werde versuchen, das Ergebnis zu ignorieren"

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Der bloße Zugang zum Tunnel Club kostete für Citys Ligaspiel am Samstag gegen Liverpool rund 850 Euro. Wer bei einer Partie elf Freunde mitnehmen will, muss für den sogenannten Zwölfsitzer im Very Very Important People Tunnel Club fast 30 000 Euro ausgeben. Enthalten ist dann neben der taktischen Einweisung in Guardiolas Tagespläne auch ein Fünf-Gänge-Menü mit Weinprobe und Sommelier; ein Concierge, der sich um die Anreise und Unterbringung kümmert; ein Besuch der City-Akademie; der Zugang zum Spielfeld - und eine Frage-Antwort-Runde mit Brian Kidd, einem der Pep-Assistenten. Nur selbst mitspielen dürfen Abnehmer des Pakets noch nicht. Für sie sind Ledersitze reserviert im Stadion, mit bestem Blick aufs Feld.

Nach ersten Erlebnisschilderungen bieten die den VIPs gezeigten Analyseszenen einen Mehrwert, der sogar dem Gegner helfen würde. So dröselten die Analysten aus Citys Trainerteam etwa vor dem Duell mit dem FC Everton durch Videoclips die Gefahr auf, die von Wayne Rooney ausgeht; der Angreifer erzielte beim 1:1 prompt das Führungstor für Everton. Das führt zu der Frage, was wäre, wenn sich ein wohlhabender Mensch in den Tunnel Club einkauft und Guardiolas Plan, wie er gegnerische Angriffsraser stoppen will, bereits vor Anpfiff publik macht?

Mit dem renovierten Kader ist City zum Siegen verdammt

City hat mal wieder Großes vor in dieser Saison. Neben der Meisterschaft soll erstmals der Titel in der Champions League her, ab Mittwoch misst sich der Achtelfinalist der Vorsaison dort mit Neapel, Donezk und Feyenoord Rotterdam. Für einen langen Verbleib im Wettbewerb benötigt man die Unterstützung der Zuschauer. Einige davon haben aber zuletzt ihren Unmut zum Ausdruck gebracht; teilweise lauter, als die Atmosphäre bei so manchem City-Heimspiel ist. Das hat vorwiegend mit der Eröffnung des Tunnel Club zu tun, der den Klub wieder ein Stück mehr von seiner Basis entfernt. Weil die ehemaligen Besitzer der begehrten Tickets im zentralen unteren Bereich der Haupttribüne verdrängt wurden - zugunsten der wohlhabenderen Kunden. Das verändert nicht bloß die Sozialstruktur im Publikum, sondern auch die Stimmung im Stadion.

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Die Logenpakete unterliegen partiell dem Dresscode "smart casual". In sportlich eleganter Kleidung macht sich im Ehrenbereich eher niemand um den Lautstärkepegel verdient - sofern die Plätze überhaupt Abnehmer finden. Der Absatz der teuren Pakete verläuft schleppend, häufig gibt es auf der Ticketseite freie Auswahl. Das gilt genauso für die anderen Sitzplatzangebote im Stadion, selbst fürs Top-Spiel gegen Liverpool (5:0) gingen Karten in den öffentlichen Verkauf. Außerhalb der Stadtgrenzen ist City keine Attraktion.

Das Gros der Fan-Touristen möchte gerne mal ins Nationalstadion Wembley, an die Anfield Road (Liverpool) oder ins Old Trafford (Manchester United). Das nach Ausbau 55 000 Zuschauer fassende Etihad Stadium von City, das den Namen einer arabischen Fluggesellschaft trägt, kommt viel, viel weiter hinten auf der Liste.