Mainzer 2:1 gegen Schalke Augen zu

Sportliche Erfolge überdecken bei Mainz 05 derzeit die Debatten um Manager Christian Heidel und Präsident Harald Strutz.

Von Tobias Schächter, Mainz

Julian Baumgartlinger hat ein Tor in der Bundesliga geschossen. Für die, die ihn schon länger kennen, muss das wie ein Aprilscherz im Februar klingen. Als Abräumer und Chef im defensiven Mittelfeld des FSV Mainz 05 rennt der 28 Jahre alte Athlet seit 2011 Woche für Woche seine Gegenspieler in Grund und Boden. FSV-Torwart Loris Karius aber kann sich bis heute nicht an ein einziges Trainingstor des fleißigen Wuschelkopfs erinnern.

Baumgartlinger konnte seine Torpremiere in der Liga am Freitagabend selbst kaum begreifen. Es stand 1:1 zwischen Mainz und dem FC Schalke, als er sich in der 79. Minute auf den Weg machte. "Ich habe gesehen, dass Yunus Malli flanken kann, und bin einfach in Richtung zweiter Pfosten gerannt", schilderte Baumgartlinger die Szene: "Dann habe ich die Augen zugemacht und geköpft - und der Ball war drin."

"Wir wollen die fitteste Mannschaft der Liga sein."

Dass Baumgartlinger überhaupt den Kopfball beherrscht, war bis zum Freitag ebenfalls ein gut gehütetes Geheimnis. 112 Einsätze benötigte der österreichische Nationalspieler bis zu seinem ersten Ligator. Es war der "Lucky punch", wie er stolz bemerkte. Mainz gewann dank dieses Treffers 2:1 gegen den FC Schalke. Und: Mainz - auch das ist kein Scherz - steht nach diesem dritten Sieg in Serie gleichauf mit Schalke (beide 33 Punkte). Deshalb aber heute schon Europapokalziele auszurufen, entspricht nicht dem Charakter von Martin Schmidt: "Jetzt noch nicht", sagt der Mainzer Trainer. Auch Kapitän Baumgartlinger will lieber erst mal "in dem Drive drinbleiben" und ruft ein durchaus realistisches Zwischenziel aus: "Wir wollen die fitteste Mannschaft der Liga sein."

Die physischen und psychischen Basiselemente des Fußballs spielen in der Lehre von Schmidt die zentrale Rolle. Freitagnacht bewies seine Mannschaft erneut, dass sie diese so gut kennt wie kaum eine Mannschaft in der Liga. "Von der Leidensbereitschaft, der Laufleistung und dem Zweikampfverhalten muss ich der Mannschaft ein Riesenkompliment machen", lobte der Trainer. In der Vorrunde belegten seine Spieler in der Rubrik "Gewonnene Zweikämpfe" ligaweit noch den letzten Platz. Nun gewannen die Mainzer diese Statistik in den ersten vier Spielen der Rückrunde gegen ihre Gegner. Das macht Schmidt stolz. Teilziele ausrufen, diese erreichen und dann neue Ziele anpeilen - so arbeitet der Walliser, der seinen Kader im Januar beim Zelten in den Bergen seiner Heimat auf die Rückrunde einschwor.

Freud und Leid: Der Mainzer Bungert (M.) beglückwünscht den Torschützen Baumgartlinger zum Siegtreffer. Schalkes Neustädter ist nicht zum Jubeln zumute.

(Foto: Fredrik Von Erichsen/dpa)

Schalker Niederlage nach zwei Bundesliga-Siegen

Obwohl die Schalker in diesem irrwitzig intensiven Spiel in der Summe noch einen Kilometer mehr als die Mainzer liefen (120), wirkten die Rheinhessen im letzten Drittel des Spiels fitter und gieriger. Schalke hatte diesen Mentalitätskampf angenommen und unmittelbar nach der Pause durch den guten Startelfdebütanten Younes Belhanda den Ausgleich erzielt. Aber danach war Mainz dem zweiten Tor stets näher.

Nach Schalker Siegen in Darmstadt (2:0) und gegen Wolfsburg (3:0) bedeutet die Niederlage einen Rückschlag für die Mannschaft von Trainer André Breitenreiter, auf die jetzt schwere Wochen warten. Schon am Donnerstag will Schalke bei Schachtjor Donezk in der Ukraine den Grundstein für den Einzug ins Achtelfinale der Europa League legen, bevor am Sonntag die konterstarken Stuttgarter in der Liga besiegt werden sollen.

Über kommende Erfolge der Schalker würde sich wahrscheinlich auch Christian Heidel freuen. Der Wechsel des Mainzer Managers zu "Königsblau" zur kommenden Runde verdichtet sich. Heidel wiederholte, nachdem er dem scheidenden Schalker Manager Horst Heldt nach dem Spiel die Hand geschüttelt hatte, sein Mantra in dieser Wechselsaga: "Schalke muss das Gefühl haben, dass ich der Richtige bin. Ich muss das Gefühl haben, dass Schalke richtig ist. Und bei beiden Vereinen muss alles geregelt sein."

Ein Bremer ist Kandidat für die Heidel-Nachfolge

Die Entscheidungen rücken näher. Als Favorit auf Heidels Nachfolge gilt Rouven Schröder, derzeit Direktor Profi-Fußball und Scouting und zweiter Mann hinter Thomas Eichin im Sportmanagement bei Werder Bremen. Bestätigen will das in Mainz noch niemand. Zumal Schalkes Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies sich die von ihm forcierte Personalie noch von seinem Aufsichtsrat genehmigen lassen muss.

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Die Erfolge der Schmidt-Elf überlagern derweil die Debatten, denen Mainz 05 ausgesetzt ist. Das Image des Heile-Welt-Klubs hat nicht nur durch die Diskussion um den baldigen Weggang des jahrzehntelangen Erfolgsgaranten Heidel gelitten. Auf öffentlichem Druck hin ließ sich der Klub vergangene Woche von einer Wirtschaftskanzlei bestätigen, dass Aufwandsentschädigung (9000 Euro pro Monat) und juristisches Beraterhonorar (14 000 Euro pro Monat) für Präsident Harald Strutz "angemessen" seien. Die anderen sieben Präsidiumsmitglieder erhalten eine Aufwandsentschädigung von 2000 Euro im Monat. Die langjährige Intransparenz hatte für Verstimmungen gesorgt.

Am Freitag aber fanden die Mainzer sportlich einige Argumente, um sich ablenken zu können. Neben Julian Baumgartlinger hatte auch Linksverteidiger Gaetan Bussmann sein erstes Bundesligator erzielt - per kuriosem Dropkick mit dem rechten Schienbein. Trainer Schmidt scherzte: "Der hat ein halbes Jahr gebraucht, um zu zeigen, dass er seinen rechten Fuß nicht nur zum Stehen hat."