Von Carsten Matthäus

Wann David Beckham zur Werbeikone wurde, ist schwer feststellbar. Wann er zur traurigen Fußballfigur wurde, lässt sich allerdings genau datieren.

Es ist dieser Moment, mit dem die schmachvolle Zeit der englischen Nationalmannschaft beginnt, es ist der Anfang vom Ende der stolzesten aller europäischen Mannschaften. David Beckham, berühmt geworden als kreativer Flankengott, jetzt übervermarkteter, überfotografierter Bauchfrei-Beau, tritt an zum Elfmeter. Es ist das Viertelfinale der EM 2004. Spielzeit und Verlängerung brachten keine Entscheidung. Das Spiel war ein einziges Drama: England geht früh in Führung, doch dann muss Stürmerstar Wayne Rooney mit einem Mittelfußbruch vom Platz.

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Der englische Nationalspieler David Beckham verschoss bei der EM 2004 im Spiel gegen Portugal den entscheidenden Elfmeter. (© Foto: AP)

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Eine englische Kampfansage

Portugal gleicht aus. In der 89. Minute ist der Ball schon im Tor der Portugiesen, doch Schiedsrichter Urs Meier erkennt den Briten den Treffer ab, wegen Fouls am Torwart im Fünfmeter-Raum. Reporter der britischen Boulevard-Zeitung The Sun legten deshalb später auf dem Feld vor seinem Wohnhaus eine große englische Flagge aus - zu Kriegszeiten das Signal an Kampfflieger, diesen Ort zu bombardieren.

In der Verlängerung gehen dann die Portugiesen in Führung, diesmal kann England gerade noch ausgleichen. Und wieder Elfmeterschießen, eine Disziplin, in der das englische Team geradezu verflucht ist: 1990 und 1996 scheitern sie bei WM und EM im Halbfinale an Deutschland, bei der WM 1998 werden sie von argentinischen Elfmeterschützen schon in der zweiten Runde aus dem Turnier geschossen.

Lissabon, 24. Juni 2004: Auf Beckhams Fuß liegt nun die ganze Hoffnung eines Landes, das bei Triumphen gerne "Football's coming home" singt. Und Beckham ist jetzt ganz England: Kahlrasiert, den englischen Blick in den Augen. Bereit, für Tore zu sterben. Mag er sonst bei noch so vielen PR-Terminen an der Seite von ehemaligen Spice Girls herumgegrinst haben, jetzt sieht er aus wie der Kapitän einer brutalen Knast-Elf, der bei einer Niederlage fünf Wochen Einzelhaft droht, oder Schlimmeres. Keiner kann den Ernst des Fußballspiels in Mimik und Gestik so auf den Punkt bringen wie ein englischer Nationalspieler. Allein für diese Momente sollte England für jedes Turnier automatisch qualifiziert sein.

Ricardo verunsichert Becks

Beckham geht zum Elfmeter-Punkt und legt sich den Ball zurecht. Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Portugals Torwart Ricardo Pereira geht auf ihn zu und spricht ihn an. Er habe ihm nur gesagt, dass er mit seiner üblichen Technik nicht durchkommen werde, erzählt der Portugiese später. Beckham habe aber gar nicht reagiert, er sei ihm aber in diesem Moment verunsichert vorgekommen. Kunststück: Beckham hat in dieser EM bereits einen Elfmeter verschossen, und Ricardo gilt schon zu diesem Zeitpunkt als begnadeter Elfmeter-Killer.

Beckham nimmt Anlauf - und kommt völlig verdreht beim Ball an. Der letzte Schritt sieht aus, als würde er auf einer Banane ausrutschen und den Ball nur noch zufällig treffen. Der fliegt weit übers Tor hinaus. Portugal jubelt. Torwart Ricardo strotzt nun vor Selbstbewusstsein. Er hält den Elfmeter des für Rooney eingewechselten Darius Vassell und verwandelt den letzten Elfmeter gleich selbst. Damit ist Ricardo der Held des Abends.

Von dem verlorenen Viertelfinale in Lissabon erholt sich die englische Nationalmannschaft nicht mehr. Bei der WM 2006 müssen sie im Viertelfinale wieder gegen die Portugiesen antreten. Wieder gibt es ein Elfmeterschießen, wieder ist Torwart Ricardo der Held des Abends. Er hält drei Elfmeter, das ist Rekord. Kurz danach tritt Beckham unter Tränen als Kapitän der englischen Nationalmannschaft zurück. Für die EM 2008 schafft die englische Nationalmannschaft dann nicht einmal mehr die Qualifikation. Die Kommentare der englischen Presse lassen sich auf einen einzigen traurigen Satz zusammenfassen: "Football's leaving home."

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(sueddeutsche.de/mb)