Von Peter Schmieder

1980 ist die deutsche Elf eine Mannschaft der Gegensätze. Zwischen Himmel und Hölle, zwischen Bach und Bohlen. Unser Autor hat von ihr gelernt, was den Erfolg im Fußball ausmacht. Aus unserer Reihe "Magic Moments".

Im Jahr 1980, da war man noch kein Fan der Nationalmannschaft. Man feuerte die Bayern an, den HSV, den Fußballklub im Dorf. Hans Krankl hatte die Fan-Seele empfindlich und nachhaltig getroffen - auch bei mir. Ich war damals zehn Jahre alt und traute dieser Mannschaft irgendwie alles oder gar nichts zu.

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Die deutsche Mannschaft bei der EM 1980 war eine Elf der Gegensätze. (© Foto: AP)

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Ich begann damals, so etwas wie Fußballverstand zu entwickeln. Nicht nur gewinnen oder verlieren, sondern auch das "Warum" zu hinterfragen. Was oder wer macht den Erfolg? Das war 1980 gar nicht so leicht. Im Rückblick heißt es, diese Mannschaft sei eine gute Mischung gewesen, eine Melange aus technischer Brillianz und typisch deutschen Tugenden. Das ist falsch.

Diese Mannschaft war keine Mischung, sondern ein Gegensatz. Sie war Feuer und Eis, Himmel und Hölle, Bach und Bohlen. Im Finale gegen Belgien stehen da beim Abspielen der Nationalhymne folgende Typen nebeneinander: Rummenigge, Hansi Müller, der "blonde Engel" Schuster und - jetzt kommt's: Zehnkämpfer Hans-Peter Briegel, Karl-Heinz "Bluterguss" Förster und natürlich Horst Hrubesch. Gesungen hat die Nationalhymne niemand, das hat erst der Beckenbauer als Teamchef eingeführt. Die Trikots waren schwarz und weiß, wobei sich diese bei Briegel und Hrubesch doch sehr um die Brust spannten.

Stielike sieht selbst beim Foul elegant aus

Ich erinnere mich an die deutsche Überlegenheit in der ersten Halbzeit. Müller auf Schuster. Außenrist auf Rummenigge. Direkt zu Allofs. Um die eigene Achse. Wieder zu Schuster, der - mit Blick in die Ferne - dann doch quer auf Briegel. Der dampft 25 Meter durchs Mittelfeld, wird dann geschickt gestoppt von Müller, der weiteres verhindern will. Wieder zu Schuster. Die Mannschaft schafft einen Netto-Raumgewinn von minus zehn, aber es war schön anzusehen.

Bis der Ball von Schusters Außenrist in zwei Meter Höhe auf Hrubesch zuflog. Der stoppt mit Kinn, Brust und Schulter gleichzeitig, legt sich den Ball irgendwie vor und hämmert das Leder in Richtung belgisches Tor. Jean-Marie Pfaff hat diesen Ball nie gesehen, er wird nicht sagen können, in welcher Ecke der Ball einschlug. Vielleicht war es auch die Mitte.

Der Rest des Spiels reduziert sich auf zwei Szenen: Uli Stielike hatte einen belgischen Stürmer deutlich vor der Strafraugrenze gefoult. Das Foul selbst war wie alles bei Uli Stielike elegant. Dennoch: Elfmeter - 1:1! Dieses Tor hat das deutsche Spiel auseinander genommen. Der "blonde Engel" mutierte zur rubenschen Putte, und Rummenigges Gesichtsfarbe passte sich der Laufbahn im römischen Olympiastadion an.

Der gespannte Körper des Kopfballungeheuers

Bis zur letzten Minute. Nochmal Ecke für die Deutschen. Kurz zuvor kam der deutsche Zeugwart mit Getränken für die Verlängerung aus der Kabine. Rummenigge sollte die Ecke treten. Ich biss zu Hause ins Sofakissen. Der Ball flog an die Fünfmeter-Grenze in eine Traube von belgischen und deutschen Spielern, mittendrin Jean-Marie Pfaff - und Horst Hrubesch: 2:1! Ecke! Kopfball! Tor! Bei meinem Tanz auf der heimischen Wohnzimmercouch konnte ich aus den Augenwinkeln die Zeitlupe erkennen.

Der gespannte Körper des "Kopfballungeheuers", das den Kopf höher hatte als Pfaff seine Hände. Dieses Tor war purer Wille. Dieses Tor war die Europameisterschaft. Und ich wusste endlich, was den Erfolg im Fußball ausmacht: Die Kraft des Willens, den Hort Hrubesch an diesem Abend personifizierte. Das brannte sich ins Gedächtnis eines Zehnjährigen. Ich wurde Mittelstürmer. Und wenn man mich fragt, wer mich als Fußballer geprägt hat, sage ich einfach: "... und es war Hrubesch!"

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(sueddeutsche.de/jüsc/aum)