Magath-Rauswurf in Wolfsburg Tee von gestern

Er war streitbar, oft unbeliebt, auch erfolgreich - jetzt ist er arbeitslos: Felix Magath hat in all den Jahren so viele Spieler geringgeschätzt und ignoriert, dass sein Vorbild Ernst Happel stolz auf ihn wäre. Zuletzt scheiterte er daran, dass er sich mit jedem Tag weiter von der aktuellen Spielergeneration entfernt hat.

Ein Kommentar von Christof Kneer

Die Frage, ob sich Diego über die Nachricht von Felix Magaths Abschied mehr freut als Marcel Schäfer oder Simon Kjaer, ist nicht zu beantworten. Vor allem konkurriert diese Frage mit weiteren, nicht zu unterschätzenden Fragen - etwa mit jener, ob sich nicht vielleicht Christian Träsch am meisten freut oder doch Mateusz Klich, Slobodan Medojevic und Hrvoje Cale.

Dass auch die drei Letztgenannten zum Lizenzspielerkader des VfL Wolfsburg zählen, ist weitgehend unbekannt in der Liga, wahrscheinlich sogar in Wolfsburg. Vielleicht hat auch Magath sie schon vergessen oder verdrängt, was normal wäre. Der Geschäftsführer eines florierenden Im- und Exportbetriebes kann sich unmöglich jeden Ballen Rohkautschuk persönlich merken.

Es darf einen ruhig etwas nostalgisch stimmen, dass die Bundesliga im 50. Jahr ihres Bestehens eine ihrer zentralen Figuren verloren hat. Wenn letzte seriöse Schätzungen stimmen, dann hat Magath mindestens alle Vereine trainiert, die der Liga je angehörten. Die Liga hat ihm viel zu verdanken, den Teebeutel etwa, das Brillengestell, den Medizinball, den eigens aufgeschütteten Wolfsburger Meisterhügel (Branchenname: Mount Magath) sowie eine spezielle Form des Einzelgesprächs. Magath hat in all den Jahren mit so vielen Spielern nicht gesprochen, dass sein Vorbild Ernst Happel bestimmt stolz auf ihn wäre. Die meisten Magath-Spieler kannten ihren Trainer höchstens vom Sehen.

Felix Magath ist seinen Happel nie losgeworden, er hat trotz aller Erfolge die Achtzigerjahre nie hinter sich gelassen. Magath hat den großen grantelnden Trainerguru in die Neuzeit überführt, aber ohne jene Selbstironie, die er nach außen gerne ausstrahlt. Magath ist mit schaurigem Ernst davon überzeugt, dass Qualität von Qual kommt und dass seine Spieler schneller rennen, wenn er ihnen die Trinkflaschen ausleert. Magath hat sich mit jedem Tag weiter von der Spielergeneration entfernt, die ihm die Klubs anvertraut haben; er hat sich immer unverstandener gefühlt und ist darüber immer abgründiger geworden.

Wie zum Trotz hat er sein sarkastisches Modell perfektioniert, das darauf beruhte, im Halbjahrestakt neue Wagenladungen an Spielern aus Bosnien oder Brasilien zu beziehen und dies mit sportlichen Argumenten (Umbruch!) zu begründen. Am Ende wirkte er wie ein Regisseur, der sich über sein Publikum lustig macht, indem er seine Filme mit immer abstruseren Figuren besetzt.

Unter Spielern ist es inzwischen guter Brauch, sich gegenseitig Magath-Geschichten zu erzählen, so wie man sich in den Achtzigern die neuesten Häschen-Witze erzählte. Und die, die es überstanden haben, können auch darüber lachen. Magath hatte eine große Zeit in der Liga, er brachte wuchtige Teams mit großer Angriffslust an den Start, aber dass ihn sich in der Bundesliga künftig noch jemand leisten möchte, ist schwer vorstellbar. Das wäre gerade so, als würde Eintracht Frankfurt im Abstiegskampf Christoph Daum verpflichten.