Männer-Abfahrt  Dann halt ein anderer Norweger

Sieger in Garmisch: Der 23-jährige Norweger Alexander Aamodt Kilde.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Svindal kaputt? Jansrud zu wild? Dann gewinnt eben Alexander Aamodt Kilde in Garmisch-Partenkirchen. "Heute war ich mal an der Reihe, auf dem Podium zu stehen."

Von Johannes Knuth, Garmisch-Partenkirchen

Einmal noch um die Kurve, Kompression, Ziellinie, dann war es geschafft, und der Skirennfahrer Kjetil Jansrud war außer sich vor Freude. Jansrud ballte die Hände zu Fäusten. Er schrie. Das war die Führung, ach was, das war der Sieg, keine Frage.

Der Sieg von Jansruds Teamkollegen Alexander Aamodt Kilde freilich, der gerade ins Ziel von Garmisch-Partenkirchen gerauscht war, mit Bestzeit. Was Jansrud, der im Zielraum gewartet hatte, wiederum mit einer herzlichen Zuneigung begleitete, als hätte er selbst gerade die schnellste Zeit geschafft. Jansrud zählte später auch zu den ersten Gratulanten, als Kildes erster Sieg im Weltcup am Samstag amtlich war, vor dem Slowenen Bostjan Kline (0,22 Sekunden zurück) und Beat Feuz/Schweiz (0,24). "Wir sind gute Freunde", erzählte Kilde, "heute war ich mal an der Reihe, auf dem Podium zu stehen."

Was ihm Jansrud sonst so gesagt habe? "Er hat sich einfach gefreut", sagte Kilde. "Er hat gesagt, dass heute mein Tag sei."

Jansrud erwischt einen mauen Tag: Platz 17

Der Skiwinter meint es in diesen Tagen mal wieder gut mit der kleinen Alpin-Mannschaft aus Norwegen. Obwohl Aksel Lund Svindal, ihr Bester, am vergangenen Wochenende bei der turbulenten Abfahrt in Kitzbühel ins Netz flog, sein Kreuzband riss und für zehn Monate den Betrieb stilllegen muss. Obwohl Kjetil Jansrud, sein Adjutant, am Samstag als 17. einen mauen Tag erwischte. Und obwohl an diesem Wochenende in Garmisch gar kein Slalom im Programm geführt wird (sondern am Sonntag ein Riesenslalom); Slaloms fallen derzeit ja fast ausnahmslos Henrik Kristoffersen zu.

Am Samstag kletterte trotzdem ein Norweger auf die höchste Erhebung des Podests, Alexander Aamodt Kilde eben. "Ich hatte auf ein Top-10-Ergebnis gehofft", sagte Kilde, insofern sei es "ein guter Tag". Ein guter Tag? Oder nicht doch einer dieser Erfolge, die sie im Sport als Überraschung klassifizieren? Andreas Sander, der Deutsche, der mit Platz acht sein bestes Ergebnis im Weltcup überhaupt erwirtschaftet hatte, befand: "Für mich war das mit dem Kilde nur eine Frage der Zeit."

Kilde gelingt eine Fahrt voller Kraft und Instinkt

Die Kandahar in Garmisch ist eine fiese Abfahrt, ein Klassiker, sagen sie, und bei den Klassikern kommt es mehr denn je auf Erfahrung an. Viele gute Abfahrer stammen aus der Ü30-Klasse, sie wissen genau, wann sie direkter auf ein Tor zusteuern müssen, wann sie etwas ausholen sollten, runder fahren, wie die Skirennfahrer sagen. Der größte Teil dieser Erfahrung speist sich wiederum aus Instinkt - wenn der Fahrer im Rennen plötzlich das Gefühl verspürt, sich von der Idealspur lösen zu müssen, auszuholen um dann mit noch mehr Schwung in die nächste Passage einzutauchen. "Das ist Instinkt, das ist das Limit", hat der Olympiasieger Bernhard Russi einmal gesagt. "Deswegen ist dieser Sport so unberechenbar. Und deshalb wird es immer Überraschungen geben."

Kilde schaffte am Samstag so eine Überraschung, eine Fahrt voller Kraft und Instinkt. Er fuhr meist eine enge Linie, fuhr nicht zu rund, steuerte direkt auf die Tore zu. Er riskierte, wenn nötig. Und im unteren Teil, als die Oberschenkel nach fast zwei Minuten Fahrzeit brannten, verwandelte er einen leichten Rückstand in rund zwei Zehntelsekunden Vorsprung, vor dem ebenfalls überraschend guten Slowenen Kline. Die alte, klassische Kandahar-Route, die sie am Samstag wegen des zuletzt warmen Wetters abfuhren, kam Kilde freilich entgegen, "du brauchst ein bisschen etwas von allem, um schnell zu sein", sagte Erik Guay, der in Garmisch 2011 die WM-Abfahrt gewonnen hatte. Kilde rührte am Samstag alle Zutaten am stimmigsten zusammen. "Es war ganz dunkel, schnell, schwer zu fahren", sagte Kilde, er fand: "Das hat Spaß gemacht."

Ganz überraschend kam sein Sieg freilich nicht. Im vergangenen Dezember hatte Kilde in Gröden bereits auf dem Podest hospitiert, als Dritter im Super-G hinter Svindal und Jansrud. Und wenn man sich am Samstag umhörte, dann war diese Abfahrt ohnehin ein Blick in die Zukunft, auf den bestimmenden Abfahrer der kommenden Jahre. "Das Übertalent, das Kristoffersen im technischen Bereich ist", sagte Sander, "ist der Kilde im Speed."

Im Sommer hat er fünf Stunden am Tag an der Physis trainiert

Er habe selten einen Athleten betreut, der sich einen derart kräftigen Körper antrainiert habe, assistierte Franz Gamper, Norwegens Abfahrtstrainer. Er habe im Sommer pro Tag fünf Stunden an seiner Physis gearbeitet, bestätigte Kilde, "das ist viel Arbeit, aber das ist besonders wichtig für ruppige Kurse wie Garmisch", für die Schläge, die den Beinen zusetzen. Die Kondition bringe er von der Leichtathletik und dem Fußball mit, von dem er sich als 16-Jähriger verabschiedete. "Ich glaube, ich habe den richtigen Sport gewählt", sagte Kilde. Und dann ist da freilich die Firmenkultur in Norwegens Alpinsparte, in der Kilde sozialisiert wurde, in der Svindal seine Expertise mit den Jungen teilt. Auch mit Kilde, "gerade mit Alex", sagte Svindal zuletzt: "Alex ist ein großartiger Typ."

Sie fragten Kilde am Samstag dann noch nach seinen Zielen, nach dem Gesamtweltcup, klar, im Sport muss es ja immer weitergehen, immer noch ein wenig besser. "Das ist natürlich das große Ziel", sagte Kilde furchtlos, "ich hoffe, dass es innerhalb der nächsten fünf Jahre klappt." Wenn nicht, wäre das wohl auch nicht schlimm. Kilde ist im vergangenen Herbst 23 Jahre alt geworden.