Lutz Pfannenstiel im Interview "Da treiben sich dunkle Gestalten rum"

Sehnsuchtsort Copacabana: In Rio de Janeiro dreht sich vieles um den Fußball - hinter den Kulissen der WM drohen große Probleme.

(Foto: AFP)

Lutz Pfannenstiel hat als bisher einziger Deutscher in der brasilianischen Liga Fußball gespielt: Im Gespräch erzählt der Torwart-Globetrotter von brüllenden Affen auf der Querlatte, aggressiven Delfinen, fragwürdigen Akteuren hinter den Klubs und dem Zwiespalt der Brasilianer mit der WM.

Von Jonas Beckenkamp

Lutz Pfannenstiel ist ein Fußball-Globetrotter. Als Torwart spielte der heute 41-Jährige auf der ganzen Welt. Es gibt kaum einen Profi, der so viel herumgekommen ist. Als einziger Spieler des Planeten war er in allen sechs Fifa-Kontinentalverbänden aktiv. Aus Zwiesel in Niederbayern ging es für ihn bis nach Namibia, Finnland, Singapur, Neuseeland oder Kanada. 2008 verschlug es ihn in die erste brasilianische Liga - als bislang einzigen Deutschen.

Nach seinem Karriereende als Spieler im Jahr 2010 heuerte der Weltenbummler bei der TSG Hoffenheim als Scout an. Nebenbei gründete er die Stiftung "Global United FC", ein weltweiter Hilfsverein, der mit Benefizaktionen Geld für sozialen Klimaschutz sammelt. Seit einigen Jahren tritt Pfannenstiel zudem als Experte im TV auf. Zum Treffen empfängt er in einer Münchner Hotellobby - sein Handy muss er weit weglegen, denn es klingtelt ständig.

SZ.de: Herr Pfannenstiel, ein Fußball-Torwart mit verbundenem Finger - was ist da los?

Lutz Pfannenstiel: Als ich vor einer Woche in Brasilien war, hatte ich eine Art "Freak-Unfall". Beim Schwimmen im Amazonas hat mich ein rosa Delfin gebissen. Sowas kommt tatsächlich vor - kürzlich wurde sogar einem amerikanischen Mädchen ein Ohr abgerissen.

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Wie kommt man als Fußballbotschafter und TV-Experte in den Dschungel?

Ich habe für das ZDF mit Albert Knechtel, einem deutschen Filmemacher und ultimativen Brasilien-Experten, eine Dokumentation für die WM gedreht. Der letzte Trip ging nach Manaus. Nachdem diese Stadt kulturell nicht viel zu bieten hat, wollte ich als bayerischer Naturfanatiker natürlich in den Amazonas. Wir haben sogar bei Indianern Maden und Larven gegessen. Da gab es nicht nur Delfine, sondern auch Krokodile, Anacondas und Affen.

Mit Affen hatten Sie auch 2008 in Ihrer Zeit beim brasilianischen Klub CA Hermann Aichinger zu tun ...

... der Brüllaffe der Stadt Ibirama ist in der Fußballszene dort relativ bekannt. Das Stadion des Vereins befindet sich nahe am Urwald, da lockte ihn die gute Stimmung an. Der Kollege hat mehrfach während der Spiele oder des Trainings auf der Querlatte herumgetanzt - und einmal hat er sogar einen Zuschauer gebissen. Ich kann mich erinnern, dass wir einmal in die Kabine flüchten mussten, weil das Tier sehr aggressiv war.

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Wie war Ihr Eindruck von der brasilianischen Liga?

Das System der Liga mag vielen in Europa seltsam vorkommen. In der ersten Hälfte des Jahres finden die Regionalmeisterschaften statt und die haben den gleichen Stellenwert wie die nationale Ausscheidung. In den Bundestaaten ist das Niveau sehr unterschiedlich. Die Ligen in Rio, São Paulo und den südlichen Staaten wie Santa Catarina oder Paraná sind stark. Dagegen fällt das Niveau im Amazonas, in Mato Grosso oder im Nordosten deutlich ab. Die meisten Europäer überschätzen den Fußball in Brasilien. Es gibt unwahrscheinlich viele Spiele, das ganze Jahr sind englische Wochen - richtiger Dauerstress.

Was bedeutet das für die Spieler und die Teams?

Talentierte Profis spekulieren wegen der größeren Perspektiven permanent auf den Sprung ins Ausland - ganz egal, in welche Liga. Im Gegenzug neigt man dazu, ältere Spieler nach ihrer Zeit in Europa wieder zurückzuholen. Das ergibt häufig eine seltsame Altherren-Kultur. Jüngstes Beispiel war der Klub Atlético Mineiro, der bei der Klub-WM im vergangenen Dezember mit dem gealterten Ronaldinho und einigen weiteren gesetzten Herren antrat. Die haben dann gleich verdient gegen Raja Casablanca verloren, obwohl man daheim die brasilianische Meisterschaft und sogar die Copa Libertadores (südamerikanische Champions League, d. Red.) gewonnen hatte.

Sind die Fans so begeisterungsfähig, wie man sich das hier vorstellt?

Auch da herrschen enorme Unterschiede. Es gibt Arenen, da ist die Anhängerschaft sehr ausgelassen, friedlich und eher homogen. Aber es passieren auch unappetitliche Dinge. Fans füllen Tüten mit Kot und Urin und werfen sie auf andere Zuschauer oder Spieler. Ich hab's einmal am Stutzen abbekommen. Und leider kommt es immer wieder zu Gewalt in den Stadien, wenn beispielsweise eine Schiedsrichter-Entscheidung die Anhänger provoziert. Wer sich ein Bild machen will, soll sich nur die Szenen aus dem Spiel Atlético Paranaense gegen Vasco da Gama Anfang 2013 anschauen.

Was für Zustände herrschen hinter den Kulissen? Es ist von Korruption, zweifelhaften Spielerberatern und Chaos zu hören ...

Der Fußball ist nicht nur Sportart Nummer eins, sondern auch Ausweg Nummer eins, um den Favelas zu entfliehen. Da treiben sich dunkle Gestalten herum, die junge Profis verhökern oder einfach direkt von den Eltern "abkaufen". Die Sicherheitsprobleme verhindern an vielen Orten ein normales Stadionerlebnis für Familien. Du kannst einfach nicht überall unbeschwert ein Spiel anschauen, weil es gefährlich ist - das wirft einen dunklen Schatten auf die sonst so ausgeprägte Fußball-Euphorie.