Lukas Podolski Sieg der Romantiker

Die Rückkehr des Lukas Podolski zum 1. FC Köln wird sportlich nicht einfach zu moderieren sein. Auch weil dessen Gehaltsvorsprung nicht zu verheimlichen ist.

Von Philipp Selldorf

Spielte ganz Köln verrückt, nachdem am Freitag die Zeitungen in der Stadt auf ihren Titelseiten gemeldet hatten, die Rückkehr von Lukas Podolski zum FC stehe "gaaaanz nah" (Express) bevor? Das kann man nicht behaupten. Dieser 9. Januar 2009 war ein gaaaanz gewöhnlicher Wintertag im Rheinland, abgesehen vom strahlenden Sonnenschein. Am Geißbockheim im ausnahmsweise schneebedeckten Grüngürtel gab es auch keine spontane Rudelbildung jubelnder FC-Fans, und im Klubhaus behandelte man das Thema wie bisher: diskret und verschwiegen. Zum Fall Podolski gilt weiterhin eine Nachrichtensperre. "Das war die ganze Zeit schon so", sagt Pressechef Christopher Lymboropoulos, "warum sollte das jetzt anders sein?"

Am Wechsel des Nationalspielers zu seinem Heimatverein gibt es gleichwohl kaum noch Zweifel. Entsprechende Auskünfte hat in den vergangenen Tagen die andere Partei erteilt. Nach Karl-Heinz Rummenigge ("Das Ganze sieht gut aus, ich bin zuversichtlich, dass es klappt") hat am Freitag auch Uli Hoeneß den Handel quasi bestätigt: "Es geht noch darum, Kleinigkeiten zu regeln. Ich denke, dass wir das schaffen", sagte der Bayern-Manager und äußerte die Erwartung, bis Ende Januar die letzten Fragen geklärt zu haben.

Rund zehn Millionen Euro erhält der FC Bayern - angeblich auf dem Weg der Ratenzahlung - für den vor zweieinhalb Jahren zum gleichen Preis erworbenen Angreifer. Podolski freut sich sowieso, heim zur Familie ins Rheinland zu kommen. Anträge aus Hamburg, Bremen, Dortmund, Rom, Turin, London, Manchester hatten ihn nicht interessiert, aber immerhin waren sie ihm und dem FC Bayern vorübergehend nützlich, die Kölner Bemühungen zu forcieren. Besonders Hoeneß hatte mehrfach den wunden Punkt berührt, dass der FC womöglich gar nicht zu seinem Wort stehen wolle, den verlorenen Sohn heimzuholen.

Die Kölner Verantwortlichen haben Kommentare beharrlich verweigert. Sie hatten dem Unternehmen ja längst zugestimmt. Als Podolski ihnen im Sommer nach der EM erzählte, zurückkehren zu wollen, haben sie nicht nein gesagt. Sie haben es als Kompliment aufgefasst und genossen. Schon war die Sache publik und kam unaufhaltsam ins Rollen. Als Präsident Wolfgang Overath bei der Jahreshauptversammlung Ende November verkündete, man werde "alles, aber auch wirklich alles im Rahmen unserer Möglichkeiten tun, um Lukas Podolski nach Hause zu holen", wurden die finalen Tatsachen geschaffen.

An diesem dramatischen Anspruch musste sich das Handeln des Klubs messen lassen, dafür sorgte schon der Druck der Presse und das von dem romantischen Plan faszinierte Publikum, und seitdem haben die Geschäftsführer Michael Meier und Klaus Horstmann still und leise an der Verwirklichung des Auftrags gearbeitet - soweit das in dieser lauten Stadt möglich war.

Lieber zu Eintracht Frankfurt

Dabei war die Neugier der Medien unstillbar. Als am Donnerstag Rummenigge halbwegs Vollzug gemeldet hatte, überantwortete Meier - ebenso wie am Freitag - sein Telefon der Sekretärin, damit sie alle Reporteranfragen abwehrt. Es gab zwar eine Rückrufliste, doch die war imaginär.

In der Schlange landete auch Spielerberater Dirk Lips, der Meier vor der öffentlichen Bekanntgabe mitteilen wollte, dass sich sein Klient, Torwart Ralf Fährmann von Schalke 04, für den Wechsel zu Eintracht Frankfurt statt zum FC entschieden hatte. Dreimal habe er in Meiers Büro angerufen und "rumeiernd versucht, die Nachricht zurück zu halten", aber als Meier abends um viertel nach zehn zurückrief, da war sie schon aus Frankfurter Quellen auf den Markt gelangt.

Doch Meier hätte ohnehin keine Chance mehr gehabt, Fährmann umzustimmen. Der 20-Jährige sieht in Frankfurt bessere Aussichten auf einen Stammplatz als in Köln, wo Faryd Mondragon, 37, trotz mäßiger Leistungen eine starke Stellung hat. Und Berater Lips meint es nicht böse, wenn er unter Verweis auf den Trubel um Podolskis Rückkehr sagt, dass Fährmann in Frankfurt ruhigere Verhältnisse antreffen werde.

Beim Schweigegebot der Kölner Macher ging es aber nicht nur darum, die Position im Ablösefeilschen mit den Bayern zu wahren. Man durfte auch keinerlei Zweifel an der Operation Podolski offenbaren. Einmal begonnen, musste sie vollendet werden - trotz zwischenzeitlicher Kontroversen in der Führung. Denn dieser Transfer, der größte in der Geschichte des Vereins, ist nicht frei von Risiken.

Das beschränkt sich nicht nur auf die starke Kapitalbindung, weil Ablösesumme plus Gehalt für den Vier-Jahres-Vertrag ein erdrückendes Paket ergeben, das dem FC für weitere Verstärkungen kaum Spielraum lässt. Es betrifft auch die sportlichen Folgen: Wie verkraftet Podolski die Erwartungen der Kölner? Welche Rolle kann er spielen? Wie nimmt die Mannschaft den Spieler auf, dessen gewaltiger Gehaltsvorsprung nicht zu verheimlichen ist?

Vermutlich wird es nach dem nächsten Tor von Mittelstürmer Novakovic nicht lange dauern, bis dessen Berater von interessanten Angeboten der Konkurrenz zu berichten weiß - und dem FC dringend eine Lohnaufbesserung für den Klienten empfiehlt. Immerhin: Die Kölner Presse ist zu Podolskis Rückkehr zu beglückwünschen.