Von Christof Kneer

Viel mehr als nur ein Strafraum-Stenz: Bayerns neuer Stürmer ist der verlängerte Kopf des Trainers.

Luca Toni schaut nicht nach links und nicht nach rechts, wahrscheinlich lernt man das so als Mittelstürmer. Wie praktisch so ein Tunnelblick für einen Angreifer sein kann, das begreift man hier, im ersten Stock der Geschäftsstelle des FC Bayern, besonders gut. Rechts hängt nämlich Giovane Elber, er jubelt in Farbe und im Großformat. Links hängt Gerd Müller, er trägt eine Kapitänsbinde, und hinter ihm erkennt man einen blonden Jüngling, der - so sieht es aus - bestimmt gleich zu einem Sprint ansetzt. Bei dem Jüngling handelt es sich um den Nachwuchsspieler Rummenigge, aber Luca Toni geht achtlos vorbei. Nein, er habe Gerd Müller noch nicht getroffen, sagt er später, aber er habe gehört, dass der in einer Saison mal 40 Tore für Bayern erzielt habe. Ob es ihn stolz mache, dass man ihn, Luca Toni, in Italien il bomber nenne, in Anlehnung an den großen Gerd? Es sei ja klar, dass man einen, der wie Müller 40 Tore schießt, Bomber nennt, sagt er nur. Die Frage nach Luca Toni hat er einfach überhört.

Und da heißt es, Franck Ribéry sei der neue Spaßvogel beim FC Bayern. (© Foto: dpa)

Anzeige

Einer wie Toni lässt sich nicht einschüchtern

Luca Toni will sich nicht beeindrucken lassen, warum sollte er auch. Er hat am Dienstag in den pokaldekorierten Ruhmeshallen seines neuen Klubs ein paar Pressegespräche geführt, aber einen Sinn für Vereinsromantik muss niemand von ihm erwarten. Er ist Luca Toni, er hat elf Millionen gekostet, er ist Weltmeister, und so einer lässt sich nicht davon einschüchtern, dass er als erster Bayern-Profi nach Elber wieder die Neun tragen darf oder dass alle Pizzabäcker in der Stadt schon jetzt Gerd Müllers Torrekord wanken sehen. Nein, sagt Toni, er habe noch nie vor der Saison "eine bestimmte Torzahl im Kopf" gehabt, das sei ein kleiner Aberglaube. "Also denke ich auch jetzt nicht an eine Zahl", sagt er, "und dann wird's schon gut gehen." Die Bundesliga-Verteidiger kennt er bisher nur aus dem Fernsehen, "aber so prickelnd fand ich die bisher nicht", sagt er, "das hat Miro Klose mir auch gesagt."

So viel Lässigkeit dürfte nicht schaden in einem Verein, der eine eher unlässige Saison hinter sich hat. Luca Toni ist keiner, der sich hinter den hohen Zäunen des Villen-Vororts Grünwald versteckt, er hat gerade eine Wohnung in der Altstadt gefunden, und er sagt, "dass jetzt Marta dran ist", seine Lebensgefährtin. "Ich trainiere hier", sagt er, "und Marta trainiert zu Hause die Möbel." Luca Toni ist ein moderner Mittelstürmer, er hält nichts von Alleingängen. Er ist ein Freund des Zusammenspiels. "Sie sucht die Möbel aus", sagt er, "und ich zahle."

Vielleicht hat schon lange kein Neuer mehr so gut nach München gepasst, in die nördlichste Stadt Italiens. Der Stadtheilige ist der Monaco Franze, der ewige Stenz, und der charmante Stürmer hat es auf seinem Weg zum Monaco Toni schon recht weit gebracht. Natürlich muss sich einer wie er auch von Tullio Tinti beraten lassen, was vermutlich der schönste Spielerberatername der Welt ist. So was kann man nicht lernen. Das hat man.

Aber die Konkurrenz sollte besser nicht darauf hoffen, dass die Bayern hier nur einen Strafraumstenz verpflichtet haben. Luca Toni ist nicht nur das Gesicht der bayerischen Kampagne, er ist auch ihr Kopf. Das ist etwas untergegangen zuletzt, weil er nicht dabei sein konnte, als die Kollegen locker den Ligapokal einspielten. Im Testspiel in Albstadt hatte er sich eine Verletzung zugezogen, die er aus verständlichen Gründen ungern auf Deutsch ausspricht (Faserriss in der Bizepssehne am Wadenbeinköpfchen). Man hat ihn im Spiel der Bayern kaum vermisst, einerseits. Andererseits kann das nicht gegen ihn verwendet werden - denn noch lässt sich allenfalls erahnen, was passiert, wenn der Ball genüsslich durchs Mittelfeld gleitet und vorne auch noch Miroslav Klose und Toni warten.

"Ich tue mein Bestes, damit ich im ersten Spiel gegen Rostock spielen kann", sagt Toni. Er klingt da optimistischer als Trainer Hitzfeld, der seinen neuen Stürmer eher von der Bank kommen sieht - zumal Toni nach einer Mittelfußoperation mit Trainingsrückstand in München ankam. "Natürlich ist das eine blöde Situation, dass ich gerade jetzt fehle", sagt er, "aber ich habe keine Sorge, dass wir zusammenfinden. Wir müssen uns eben über die Punktspiele einspielen."

Warten kann Toni, 30, ohnehin besser als jeder andere, er hat ja den größten Teil seiner Karriere gewartet. Er ist ein Spätberufener - mit 23 kam er erst in die Serie A, die er später wieder verließ, um die US Palermo mit 30 Treffern prompt wieder nach oben zu schießen. Zwei Jahre später schoss er den AC Florenz mit 31 Toren in die Champions League, und spätestens bei der WM hat die Welt dann gelernt, dass dieser Toni nicht nur treffen, sondern auch Fußball spielen kann.

Das beste Stück im Transferpaket

Für Hitzfeld war Luca Toni das beste Stück im Transferpaket. Ihn wollte er so sehr wie keinen, und bestimmt weiß Toni gar nicht, was er für seinen Trainer bedeutet. Der Mathelehrer Hitzfeld mag Teams, die er berechnen kann, und jetzt hat er Genies wie Ribéry, dessen Spiel keine Regeln kennt. Toni ist nichts weniger als das Verbindungsstück zwischen dem alten und dem neuen Hitzfeld. Er ist einerseits die Zuspitzung des neuen Risikostils; gleichzeitig folgt sein Spiel dem unter Hitzfeld vertrauten Sagnol-flankt-Ballack-köpft-Muster. Toni ist der Spieler, auf den sich Hitzfeld verlassen will. Er ist der verlängerte Kopf des Trainers.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein neuer Stürmer gleich im ersten Bundesligajahr Torschützenkönig wird, aber Luca Toni will dazu nichts sagen. Theofanis Gekas? Den Namen hat er "noch nie gehört".

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 1.8.2007)