Weltmeister Lothar Matthäus tritt seinen neuen Trainerjob in der israelischen Provinz an. Sein Name reicht immer noch aus, um ein kleines Fußballfieber zu entfachen.
Der Shekel, die israelische Landeswährung, hat einen historischen Höchststand gegenüber dem Dollar erreicht. Alles wird diesen Sommer in dem kleinen Land mit der Quadratkilometer-Fläche von Hessen teurer, und daran ist auch die kürzlich von der Wirtschaftszeitung globes identifizierte "Lothar-Matthäus-Rate" schuld: Seit der Franke Ende Mai als neuer Cheftrainer bei Maccabi Netanja unterschrieben hat, galoppiert die Inflation durch die "Ligat ha'Al" (israelische Topliga).
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Lothar Matthäus hat seine neue Aufgabe als Trainer von Maccabi Netanja begonnen. (© Foto: AFP)
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Auf 600.000 Euro wird Matthäus' Jahresgehalt geschätzt; Kollege Itzchak Shum von Meister Beitar Jerusalem verdient die Hälfte. Netanja hat zudem den Trikotsponsorvertrag mit einer Versicherungsfirma gekündigt, denn Werbung auf dem schwarz-gelben Hemd soll künftig mindestens eine halbe Million Dollar wert sein, doppelt so viel wie bisher. Alles wegen Matthäus. Kein Wunder, dass dem israelischen Fußball vor dem ersten Arbeitstag des Deutschen diese Woche ganz "kribbelig" zumute war, wie die links-liberale Ha'aretz schrieb.
Verblasster Mythos
Die Größe des Wirbels ist allerdings doch relativ. Zirka 100 Fans hatten sich am Dienstagnachmittag als Begrüßungskomitee am Ben-Gurion-Flughafen angekündigt, gar nicht so wenige für einen Klub, der zu seinen Heimspielen im Schnitt weniger als 4.000 Zuschauer verbuchen kann. Netanja ist ein eher armes Küstenstädtchen mit 180.000 Einwohnern, eingepfercht zwischen den Wirtschaftsmetropolen Tel Aviv und Haifa.
Die großen Tage des 1934 gegründeten Vereins liegen 30 Jahre zurück. Damals beherrschten "die Diamanten", wie der Klub wegen der traditionell in Netanja ansässigen Edelsteinindustrie genannt wird, als eine Art israelisches Pendant zu St. Etienne mit offensivem Fußball aus der Provinz die Liga. Der legendäre Mordechai "Motale" Spiegler, Israels einziger WM-Torschütze, stürmte für Netanja. Letztlich blieb Maccabi trotz fünf Meisterschaften und der Sympathien von vielen Neutralen jedoch zu klein, um sich dauerhaft in der Spitze zu etablieren. Traurige Jahre im Wechsel zwischen erster und zweiter Liga ließen den Mythos verblassen.
2006 übernahm der Frankfurter Immobilienhändler Daniel Jammer für geschätzte zwei Millionen Dollar den Klub und investierte für israelische Verhältnisse viel in den Kader. Unter anderem kam der Cottbuser Stürmer Francis Kioyo ans Mittelmeer, zwei Mal hintereinander belegte man danach den zweiten Platz. Für Jammer ist Netanja in erster Linie ein Hobby-Projekt, doch der Vertrag mit Matthäus unterstreicht seine sportlichen Ambitionen. "Einen großen Schritt für den deutschen und israelischen Fußball", nannte der 41-Jährige das werbewirksame Engagement von Matthäus.
Meisterschaft in einer Ruine
Während der von Ehrenpräsident Spiegler als "Weltmeister, der den Verein aufwertet" willkommene Trainer vor allzu großen Erwartungen an ihn warnt - "ein guter Coach kann nicht alleine gewinnen" - sind die Medien und Experten skeptisch, was seine Verweildauer angeht. "Er hat in allen großen Stadien der Welt gespielt", wurde ein anonymer Maccabi-Spieler von Ha'aretz zitiert, "wenn er unseren Verein sieht, wird er wahrscheinlich Fieber bekommen".
Der holprige Rasen im abrissreifen Sar-Tov-Stadion - bekannt als "die Schachtel" - sollte in der kommenden Saison eigentlich nicht mehr bespielt werden. Doch das neue, 35 Millionen Dollar teure, von der Stadt und dem staatlichen Lotteriefonds finanzierte Stadion für 12.000 Besucher wird nicht rechtzeitig fertig. Überlegungen, nach Ramat Gan oder Herzlia auszuweichen, scheiterten an hohen Mietforderungen, so dass Netanjas erste Meisterschaft seit 1983 in einer Ruine gewonnen werden muss.
Eine spannende Geschichte könnte das werden, die von Uli Hoeneß befürchteten diplomatischen Probleme wird es mit dem redseligen Nationalspieler vorerst nicht geben. Matthäus' erste Pressekonferenz findet ja erst am Wochenende statt.
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(SZ vom 02.07.2008/pes)
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