Von Peter Burghardt

Obwohl sich alle dagegen wehren, drängt Lionel Messi in die Rolle des stillen Erben von Maradona.

Wenn das Wunderkind wieder eines seiner Kunststücke vorführt, dann geschehen in Argentinien zwei Dinge. Erstens denkt das Land an Diego Maradona. Und zweitens fragt sich die Nation, weshalb man mit diesem Lionel Messi in Deutschland nicht Fußball-Weltmeister geworden ist.

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Eine neue Folge der Serie fand am Mittwoch in der venezolanischen Stadt Puerto Ordaz statt. Argentinien gewann im Halbfinale der Copa América 3:0 gegen Mexiko, das 2:0 besorgte Messi. Nach 61 Minuten nahm der Spieler mit der Nummer 18 und den zotteligen Haaren auf Rechtsaußen einen Pass von Carlos Tevez entgegen, dann geschah es. Er trieb den Ball ein paar Meter vor sich her und lupfte ihn aus vollem Lauf mit dem linken Fuß vom linken Strafraumeck ins linke Eck, in hohem Bogen über den Torwart. Dynamisch, zielsicher, doch federleicht. "Nur Genies schießen solche Tore", brummte Trainer Alfío Basile, bei dem diese Temperamentsausbrüche so häufig sind wie bei einem pensionierten Leguan. Basile hätte am liebsten die Erdkugel angehalten oder wenigstens das Spiel. "Nach dem Tor hätten wir alle das Stadion schließen und nach Hause gehen sollen", sprach er, "besser geht's nicht."

Für das Sportblatt Olé aus Buenos Aires war es "ein Picasso". Man stellte erneut fest, dass so etwas nur einer gekonnt hatte, ER. Messi macht IHN immer häufiger nach, die eleganteste Kopie gelang ihm am 18. April 2007. Im spanischen Pokalduell gegen den FC Getafe kurvte der Stürmer des FC Barcelona wie beim Slalom am ersten und zweiten Gegenspieler vorbei, am dritten und vierten. Er drang mit wehender Mähne rechts in den Torraum ein, den Ball am Fuß und hob ihn ins Netz. Der sagenhafte Alleingang war eine Reproduktion jener Solonummer, mit der Maradona bei der WM 1986 in Mexiko halb England ausgetrickst hatte. "Ein echtes Kunstwerk", schwärmte Barcas Trainer Frank Rijkaard. Messi merkte gleich, "dass es ähnlich war", er hatte Maradonas Original als Kind Hunderte Male auf Video gesehen.

In einer der diversen Aufnahmen wurden beide übereinander geschnitten, es passte verblüffend. Hier El Pibe de Oro, der Goldjunge. Dort La Pulga, der Floh. "Man gibt sich Mühe, ihn nicht mit Maradona zu vergleichen", sagte Maradonas früherer Nebenmann Jorge Valdano. "Aber Messi hilft nicht dabei. Man will vorsichtig sein und geduldig, aber dann kommt er und wiederholt dir das Tor von '86 und produziert ein informatives Erdbeben." Argentinier und andere Ästheten warten ja seit dem Rücktritt des suchtkranken Genius auf seine Reinkarnation. Zu den Kandidaten zählten Juan Román Riquelme oder Carlos Tevez, beide brillieren ebenfalls bei der Copa América. Dann gibt es noch Sergio Agüero, genannt "Kun", der mit der Zehn auf dem Rücken gerade bei der Junioren-WM in Kanada auftrumpft. Doch niemand kommt den Wünschen so nahe wie Lionel Andrés Messi, geboren am 24. Juni 1986 in Rosario, zu deutsch Rosenkranz.

Hätte mit ihm nicht alles anders werden können 2006 in Alemania, wo die drögen Italiener den Titel abgeräumt haben? Verbandschef Julio Grondona erinnerte sich nach dem Heber gegen die Mexikaner wieder lautstark an das WM-Achtelfinale im Berliner Olympiastadion, ein Jahr ist es her. Messi kauerte auf der Bank, obwohl die Deutschen schon bei seiner bloßen Gegenwart auf dem Platz nervöse Flecken bekommen hätten. Ohne ihn verlor Argentinien im Elfmeterschießen und schied aus. "Vorher hatten wir einen Trainer, der sich nicht traute, die Jungen aufzustellen", stichelte Grondona und meint Basiles Vorgänger José Pekerman, eigentlich einen Freund des Nachwuchses. "Stell' dir vor, Bilardo hätte Maradona nicht für Mexiko 1986 berufen, wir wären sicher nicht Weltmeister geworden." Viele Argentinier sind überzeugt davon, dass ihr Team mit Messi in Deutschland den Pokal abgeholt hätte.

Ersatzweise bleibt vorläufig diese Copa América, am Sonntag folgt das Finale gegen die brasilianische B-Elf. Es wird ein Härtetest für Messi, der mit 21 seinen Stil findet. Offensiver, zielstrebiger, auch wenn ihn ständige Tritte der Rivalen bremsen. "Plötzliche Reife", erkennt die Zeitung La Nación nach einer durchwachsenen Saison beim dekadenten FC Barcelona. Basile lässt seinen jugendlichen Maestro gewähren, für taktische Disziplin sorgen andere wie Riquelme, Verón, Mascherano, Heintze. "Ich gebe ihm Freiheiten, weil er weiß, wo er sich bewegen muss, um beim Gegner Schaden anzurichten. Er entwickelt sich zu einem Monstrum des Fußballs, wir Trainer dürfen ihn in kein Schema pressen. Wir müssen ihn fliegen lassen wie einen Vogel." Nur den Vergleich mit Maradona kann er nicht ausstehen: "Er ist noch ein Kind."

Lionel Messi mag das Gerede auch nicht: "Diego ist einzigartig." Neben dem Rasen bleibt der Erbe ein stiller Gefährte, obwohl er für Schuhe und Uhren wirbt und den Mitspielern gruppendynamische Fortschritte in seinem Verhalten auffallen. Als ihm kürzlich eine Bewunderin von der Tribüne entgegen sprang, da wusste er nicht, was er sagen sollte. Der hoch bezahlte, umschwärmte Messi spielt leidenschaftlich gerne Play Station und isst bevorzugt Schnitzel mit Pommes Frites. Das Traumtor gegen Mexiko widmete der Schütze seiner schwangeren Schwägerin Florencia. Es muss ein Prachtbaby werden.

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(SZ vom 14.7.2007)