Unwucht in der Bundesliga Die Torflut geht auf ein einziges Konto

Geübte Jubelpose von Robert Lewandowski (r.): Der Bayern-Stürmer hat in dieser Saison schon 26-Mal zugeschlagen.

(Foto: AFP)

Dass Robert Lewandowski mit riesigem Vorsprung die Torjägerliste anführt, zeigt, dass die Bundesliga ein Problem hat. Und zwar ein noch größeres als andere Spitzenligen.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Wer sich auf die Erzeugung künstlicher Spannung versteht, könnte die Lage jetzt noch einmal anheizen. Weigert sich doch der FC Bayern nun schon seit zwei Runden, die sechste Meisterschaft in Serie zu verbuchen. Was also wird erst los sein, wenn am Samstag auch in Augsburg nicht Vollzug gemeldet werden kann? Wenn diese Schalker Ergebnis-Minimalisten, die mit nur neun Toren jüngst sechs Spiele in Serie gewinnen konnten, dranbleiben, irgendwie?

Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist! Das wissen Boxer, das wissen aber vor allem alle Schalker - die legendären Vier-Minuten-Meister von 2001. Und jetzt ist es der FC Bayern, der immer noch nur Vizemeister werden kann, trotz dieses galaktischen Vorsprungs von 17 Punkten.

Der Begriff "Verfolger" verbietet sich in dieser Liga ohnehin

Ihre tabellarische Langeweile hat die über die eigene Dramaturgie nölende deutsche Liga nicht einmal weltexklusiv, im Gegenteil: Sogar in Spanien tun sich Gräben auf. Dort residieren die Messianer des FC Barcelona ungeschlagen vor Atlético (neun Punkte zurück) und Real Madrid (13). Dass die Tabelle nicht lügt, behaupten bekanntlich die Engländer ("The table never lies"), und auch dort rätseln sie gerade, warum sich bei ihnen Abgründe auftun, warum Manchester City 16 Punkte vor Manchester United liegt.

Doch in Spanien und England rührt sich noch immer was. Zwar nicht in der Haupttabelle, aber in der zentralen Nebenwertung: der Torjägerliste. In La Liga thront Lionel Messi mit 25 Toren über Reals Ronaldo (22) und dem eigenen Teamkollegen Luiz Suárez (21). Und auch in der Premier League zeugt diese Liste, der zweitwichtigste Indikator für das Starpotenzial einer Spielklasse, von Sturm und Drang: Liverpools Salah (29 Tore) liegt mit starker Quote vor Tottenhams Kane (24) und Agüero (21) von ManCity.

Der Graben in der Tabelle klafft fast überall in Europa, ihren Graben in der Torjägerliste aber hat die Bundesliga exklusiv. Zwar häuften sich zuletzt die 6:0-Resultate (am Osterwochenende in München und Hoffenheim), doch diese werden von einer geschäftsschädigenden Nullnummern-Inflation (in Berlin, Leverkusen, Mainz) im Mittelbau der Liga kontrastiert. Zudem zielt die Torflut fast nur auf ein einziges Konto: auf jenes von Robert Lewandowski. Dreimal durfte der Bayern-Stürmer beim 6:0 gegen den HSV treffen, dreimal jetzt gegen Widerstand verweigernde Dortmunder.

In der Qualitätsdebatte, die die Bundesliga führt, ist die Lücke von Bayern zu Schalke alarmierend, doch die Kluft zwischen Lewandowski (26 Tore) und Freiburgs Nils Petersen (13) ist es ebenso. Der Begriff "Verfolger" verbietet sich in dieser Liga ohnehin, nominell aber ist Petersen Zweiter in der Torjägerliste. Gleichauf mit einem gewissen Pierre-Emerick Aubameyang. An Ostern gelangen diesem zwei Tore, die jedoch nicht mehr in die Wertung kamen - Aubameyang traf für den FC Arsenal. Aus Dortmund ist er schon seit der Winterpause weg.

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