Leon Goretzka "Ich übernehme gerne Verantwortung"

Führungskraft in spe: Leon Goretzka, 22, mit Joachim Löw.

(Foto: Martin Rose/Getty)

Der 22-Jährige spricht vor dem Auftakt der deutschen Nationalelf über die Lust am Ehrgeiz und seine Rolle in der Nationalelf sowie bei Schalke 04.

Interview von Philipp Selldorf

SZ: Herr Goretzka, wie gut schlafen Sie in Sotschi?

Leon Goretzka: Sehr gut. Ich gehe hier mit einem Grinsen ins Bett und stehe mit einem Grinsen auf.

Weil?

Weil ich mich freue, hier bei der Nationalmannschaft sein zu dürfen, und weil ich mich auf die kommenden Aufgaben freue.

In Ihrem Verein wird erzählt, Sie seien sehr, sehr ehrgeizig. So ehrgeizig wie Raúl es war, als er auf Schalke spielte, oder wie Klaas-Jan Huntelaar in seinen sieben Jahren. Stimmt das?

Wie ehrgeizig Raúl war, kann ich nicht richtig beurteilen. Ich kenne ihn leider nur von seinem Abschiedsspiel bei uns. Aber der Hunter (Huntelaar, Anm.) ist tatsächlich sehr ehrgeizig. Solange man es auf den Fußball bezieht, halte ich das für eine gute Eigenschaft, und daher stecke ich diese Vergleiche in die Schublade der Komplimente. Freut mich, wenn das über mich gesagt wird.

Könnten Sie beschreiben, wie sich Ihr spezieller Ehrgeiz von dem mancher Ihrer Mitspieler unterscheidet?

Vergleiche mit anderen wären vermessen, und es ist auch nicht einfach, sich selbst zu beschreiben. Aber ein Riesenfaktor bei dem Thema ist sicherlich, dass ich einfach immer Spaß am Fußball und erst recht am Gewinnen habe. Mir macht auch ein Sieg im Trainingsspiel Freude, und ich glaube, dass dieser Spaß an der Sache die Voraussetzung ist, um überhaupt ehrgeizig zu sein. Dementsprechend dreht sich allerdings die Stimmung, wenn man nicht erfolgreich ist.

Dann hatten Sie in der vergangenen Saison auf Schalke nicht ganz so viel Freude am Fußball. Andererseits heißt es überall, dass Sie persönlich große Fortschritte gemacht hätten. Wie passt das zusammen?

Man muss es trennen: Für Schalke war es ein sehr, sehr schlechtes Jahr, das uns alle unzufrieden gemacht hat. Für mich persönlich lief es besser, ich konnte mich weiterentwickeln. Aber ich fand auch meine Saison davor ziemlich gut. Da habe ich bloß, behaupte ich jetzt mal, weniger mediales Interesse bekommen, weil ich seltener an Toren beteiligt und die Spielweise weniger spektakulär war - aufgrund meiner Position, die eben einen Tacken defensiver war. Dieses Jahr hatte ich, weil die Rolle offensiver war, mehr Aufmerksamkeit.

Sie bekommen mal wieder einen neuen Trainer auf Schalke. Haben Sie schon ein paar Eindrücke von Domenico Tedesco, vielleicht aus den Berichten über seine Rettungsarbeit in Aue?

Zwangsläufig habe ich ein bisschen was über ihn mitbekommen, weil ja der VfL Bochum auch in der zweiten Liga spielt ...

... Ihr alter Klub ...

... und dann wird einem natürlich von überall etwas zugetragen, wenn so eine Nachricht öffentlich wird. Da kann ich immerhin sagen, dass ich von allen Seiten nur Positives gehört habe. Ich bin gespannt, wie er arbeitet, und freue mich darauf, ihn persönlich kennenzulernen.

Hat Sie der Wechsel von Markus Weinzierl zu Tedesco überrascht?

Was heißt überrascht? In meinem Fall ist es ja so, dass viel darüber diskutiert wurde, wie es für mich im kommenden Jahr auf Schalke weitergeht. Da kann man davon ausgehen, dass ich ein Stück eingeweiht war, wie der Trainer in der nächsten Saison heißen wird. Es war keine schöne Nachricht, von Markus Weinzierls Entlassung zu erfahren, und wir Spieler sollten nicht glauben, dass wir damit nichts zu tun gehabt hätten. Wir sind diejenigen, die die Leistung abzurufen haben. Das haben wir in der vorigen Saison nicht getan. Am Ende ist es der Trainer, der dafür geradesteht. Tedesco ist eine sehr mutige Entscheidung - aber Mut wird auch sehr oft belohnt.

Mut ist eine Eigenschaft, die zu Ihrem Spiel passt - und dem Ehrgeiz, der Ihnen nachgesagt wird. Als Sie beim Europa-League-Rückspiel gegen Ajax Amsterdam mit ausgerenktem Kiefer und schwerem Kopfschmerz wieder auf den Platz gegangen sind, war das manchen Zuschauern nicht mehr ganz geheuer. Wie denken Sie mit etwas Abstand selbst darüber?

Darüber wurde ja später viel diskutiert, deshalb will ich das Thema gar nicht wieder aufmachen. Aber ich habe das Spiel eigentlich als ein sehr, sehr schönes in Erinnerung, weil wir eine Wahnsinnsleistung abgeliefert haben, nachdem das Hinspiel in Amsterdam der schlimmste Auftritt im ganzen Jahr war. Wir wollten vor unseren Fans unbedingt ein anderes Gesicht zeigen, und das ist uns gelungen. Wir standen im Halbfinale, als ich aus dem Stadion rausgegangen bin ...

... nach der Auswechslung wurden Sie sofort in den Krankenwagen gesetzt ...

... und erst im Krankenhaus habe ich erfahren, dass es doch nicht gereicht hat. Das war das, was mir an diesem Abend am meisten wehgetan hat, weil es einfach total unglücklich war. Dieses Ausscheiden hat für uns den Rest der Saison vorgezeichnet.

Sie sind in diesem schwierigen Jahr auf Schalke immer wieder in die Verantwortung getreten. Fällt Ihnen das Fußballspielen bei der Nationalmannschaft leichter, weil Sie sich ein wenig einreihen dürfen?

Ich empfinde meine Aufgabe auf Schalke gar nicht als Belastung, ich übernehme sehr gern Verantwortung und versuche auch, darüber mein Spiel ein bisschen zu definieren. Aber natürlich tut es auch mal gut, wenn die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt ist. Es macht einfach Spaß, in einer Mannschaft zu spielen, in der die Kugel gut läuft, in der jeder ein super Fußballer ist. Das ist der Fußball, den man auch im Verein spielen möchte.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Nationalelf, müssen Sie sich umstellen?

Ich habe schon auf Schalke verschiedene Positionen gespielt, damit kann ich mich gut identifizieren, das sehe ich als Vorteil. So, wie ich jetzt gegen Dänemark und San Marino eingesetzt wurde - auf der Acht, etwas höher stehend - das ist schon ziemlich genau meine Lieblingsposition.

Auf der Sie sich nun für die WM im nächsten Jahr empfehlen möchten?

Das ist jedenfalls das Ziel. Wenn einige Dinge anders gelaufen wären, dann hätte ich schon bei den beiden vorigen Turnieren die Möglichkeit gehabt, dabei zu sein. Ich hatte ja Signale bekommen, dass ich nah dran bin. Aber 2014 habe ich mich beim Länderspiel gegen Polen ein paar Tage vor dem Trainingslager verletzt, womit ich dann ein dreiviertel Jahr zu schaffen hatte, und 2016 hat mir eine Schulterverletzung die Chance genommen, mich zu zeigen. Das war extrem ärgerlich.

Warum will jeder Profi unbedingt in die Nationalelf? Man hat doch genug damit zu tun, sich im Verein zu behaupten.

In der Bundesliga zu spielen, ist außergewöhnlich, doch die Nationalmannschaft ist ein Kreis, der noch elitärer ist. Man will zu den Besten gehören. Vor allem aber will man mit den Besten zusammenspielen.

Dieser Anspruch hält Sie nicht davon ab, dem VfL Bochum durch die zweite Liga zu folgen. Haben Sie noch Ihre Dauerkarte?

Habe ich, aber es war jetzt bei den vielen Terminen in der Europa League oft schwer, ins Stadion zu gehen. Wenn ich die Zeit habe, dann bin ich auch da. Zumal ich ja immer noch um die Ecke wohne.

Bei den Eltern?

In meinem Elternhaus, aber in meiner eigenen Wohnung.

Hat Ihr Bruder Ihren Ehrgeiz schon in den Kindertagen zu spüren bekommen?

Ich habe gar keinen Bruder. Das steht irgendwo im Internet, aber es gibt keinen Bruder. Ich habe drei Schwestern.

Auch schön. Und mussten die dann beim Mau-Mau-Spielen oder dergleichen Ihren Kampfgeist ertragen?

Schon. Wenn wir, wie jedes Jahr, Urlaub auf dem Campingplatz in Holland gemacht haben, dann hatte man ja nicht immer die Garantie auf schönes Wetter. Da hat man dann schon einige Abend mit Kniffel und Kartenspielen verbracht, und ja: Verlieren konnte ich schon damals nicht, das muss ich definitiv so festhalten. Da ist das eine oder andere Mal das Spielbrett durchs Vorzelt geflogen.

Spielt die Nähe zur Familie eine Rolle beim nächsten Vertrag? Schalke drängt auf eine Verlängerung, es wird viel spekuliert ...

Ich habe schon öfter gesagt, dass ich mir da keinen Stress machen lasse. Bis ich mir was überlegt und mich entschieden habe, werde ich keine Zwischenmeldungen abgeben. Aber ich genieße das schon sehr, dass ich einfach nach Hause fahren kann. Darüber kann man mit jedem Fußballer sprechen - die freuen sich immer, sobald sie mal in die Heimat zu ihrer Familie kommen. Ich habe den Vorteil, dass ich dazu jeden Tag Gelegenheit habe: Ich kann bei meinem Verein spielen und trotzdem nach Hause gehen, wo meine Freunde sind, die nicht aus dem Fußball kommen und die ich noch von früher und aus der Schule kenne. Das tut mir gut und hilft mir sicherlich auch, ein bisschen auf dem Teppich zu bleiben. Dass sich das irgendwann mal ändern wird im Laufe der Fußballkarriere, das ist mir auch klar, jeder muss wohl mal von zu Hause weg, aber aktuell genieße ich einfach diese Zeit.

Ist Schalke noch die passende Adresse für einen Mann mit Ihrem Ehrgeiz?

Als ich in den Verein kam, haben wir die ersten beiden Jahre Champions League gespielt, dann zwei Jahre Europa League. Jetzt folgt eine Saison ohne Europacup. Diesen Negativtrend müssen wir im nächsten Jahr unbedingt stoppen, da muss sich auf jeden Fall etwas ändern. Ich denke, da muss sich auch personell noch etwas tun, um unsere Ziele umsetzen zu können.

Sie sind der einzige Schalker, dessen Name die Nordkurve während der vorigen Saison immer wieder gerufen hat, von den Abschiedsgesängen für Huntelaar abgesehen. Bedeutet Ihnen das etwas?

Ralle (Fährmann, Anm.) nicht zu vergessen. Aber klar: Hinter dem Feedback vom Trainer und vielleicht von meinem Vater kommt das der Fans. Ich denke, man kann nicht so viel falsch gemacht haben, wenn man diesen Dank bekommt, und es ist ja nicht nur einmal passiert. Auf Schalke ist so etwas nicht selbstverständlich, es gehört viel harte Arbeit zu. Wenn man diese Bestätigung bekommt, dann ist das ein brutal schöner Moment.