Leichtathletik-WM Misstraut allen!

Justin Gatlin vor Christian Coleman und Usain Bolt: Der Zieleinlauf gefiel dem Londoner Publikum nicht.

(Foto: AFP)

Justin Gatlin wird niedergepfiffen, Usain Bolt bejubelt - das ist peinlich. Denn so wird ein Problem auf eine Person verknappt, das viel größer ist.

Kommentar von Johannes Knuth

Manchmal ist die Leichtathletik schwer zu ertragen. Sie ruft die Besten zur ihren Leistungsmessen zusammen, feiert die Rekorde, das Außergewöhnliche, obwohl jeder weiß, wie oft hinter diesen heiteren Bildern später ganz andere Wahrheiten hervorkamen. Das ist das historische Erbe, das nun wieder auf vielen Siegern der WM in London lastet. Manche Athleten sind sogar schon so lange dabei, dass sie gegen die Zweifel anrennen, die sie selbst säten. Justin Gatlin zum Beispiel.

Gatlin war Olympiasieger 2004, aber auch zwei Mal gesperrt, weil die Dopingtests ausschlugen: 2001 wegen eines Mittels, das er gegen ADHS nahm, das zweite Mal, 2006, habe ihm der Masseur heimlich eine Testosteroncreme einmassiert. Sagt er. Nach vier Jahren in der Verbannung rannte Gatlin jedenfalls so flott wie nie zuvor, und jetzt, mit 35, ist er immerhin noch so fit, dass er dem alternden Spaßsprinter Usain Bolt die Abschiedssause vermasselte.

Ein lautes "Buuuuuuuh" für den Weltmeister

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Als Gatlin in London als Erster ins Ziel rauschte, dampfte das Olympiastadion vor Wut, das Publikum pfiff den Sünder von einst nieder, der den vermeintlichen Guten geschlagen hatte. Sogar Weltverbands-Chef Sebastian Coe stimmte in diesen Chor ein, als er befand, der Lauf habe nicht dem "perfekten Drehbuch" gehorcht. Das war irgendwie verständlich - und zeigte doch, in welch große Scheinheiligkeit die Branche in London stolperte, mal wieder.

Umschwirrt von Zweifeln. Oder gar Ermittlern

Gatlin stand jahrelang für die Zweifel an seinem Sport, qua seiner Vita, und er erstickte diese Zweifel auch deshalb nie so recht, weil er - öffentlich - wenig zu seiner Vergangenheit erzählte. Er gefiel sich sogar ein wenig in der Rolle als Bösewicht. Aber wie die Londoner nun all ihren Zorn auf ihm abluden, war schlichtweg peinlich. Weil sie ein Problem auf eine Person verknappten, das viel größer ist. Usain Bolt, der Gute? Joggte einem Heer an überführten Dopern davon, teils mit offenem Schnürsenkel. Mo Farah, über dessen 10 000-Meter-Titel die Londoner am Freitag so sehr jubelten, dass fast das Stadiondach wegflog? Trainiert von Alberto Salazar, gegen den die amerikanische Anti-Doping-Agentur ermittelt. Die restliche Szene? Umschwirrt von Zweifeln. Oder gar Ermittlern.

Jama Aden, ein ehemaliger Betreuer Farahs, wird nach wie vor in Spanien wegen Epo-Dopings untersucht, Manager Jos Hermens, der auch den neuen Marathon-Weltmeister berät, soll seine Besten laut der ARD einst an Freiburger Doping-Ärzte vermittelt haben (was er bestreitet). Und die Verbände? Vertuschten und verschleppten bei ihrer Anti-Doping-Fahndung, dass der Generalverdacht blüht.

Wer dem Sport ernsthaft misstraut, muss seine Zweifel überall einbringen. Nicht nur in Russland, nicht nur in der Leichtathletik, nicht nur bei Gatlin.

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