Leichtathletik-WM in Moskau Bolt gewinnt Vorlauf - ohne Mätzchen

Mühelos zum Vorlaufsieg: Usain Bolt

(Foto: AFP)

Er macht keine Show, sondern spult konzentriert seinen Vorlauf ab: 100-Meter-Weltrekordler Usain Bolt erreicht mühelos das WM-Halbfinale am Sonntag. Der zweifache Olympiasieger Mo Farah gewinnt als erster Europäer nach 30 Jahren das 10.000-Meter-Rennen.

100 Meter, Männer: So sparsam war Usain Bolt wahrscheinlich noch nie mit seinen Showeinlagen. Der Superstar aus Jamaika winkte nur einmal dezent ins Publikum, trabte anschließend in seinem 100-Meter-Vorlauf zum Sieg und klatschte auch danach nur kurz in die Hände. Der Olympiasieger und Weltrekordhalter ist sichtlich angespannt bei den Weltmeisterschaften in Moskau, das hat sein erster Auftritt im Luschniki-Stadion am Samstagabend deutlich gezeigt. Einerseits will er sich am Sonntag unbedingt den WM-Titel über 100 Meter zurückholen, den er vor zwei Jahren in Daegu nach seinem Fehlstart an den diesmal verletzten Yohan Blake verlor. Andererseits trifft der Dopingskandal um seine Rivalen Tyson Gay und Asafa Powell auch Bolt, weil die Auftritte der großen Leichtathletik-Ikone in Moskau mit einem weitaus größeren Misstrauen verfolgt werden als noch bei den vergangenen Großereignissen wie den Olympischen Spielen in London oder den Titelkämpfen 2009 und 2011.

"Ich bin zufrieden mit meinem Lauf. Ich habe es locker angehen lassen, denn es war ja nur die erste Runde für mich", sagte Bolt. Der 26-Jährige erreichte zwar mühelos die Halbfinals am Sonntag von 17 Uhr an deutscher Zeit, lief aber in 10,07 Sekunden nur die siebtschnellste Zeit des Abends. Zum Vergleich: Der Amerikaner Mike Rodgers war in seinem Rennen in 9,98 Sekunden unterwegs. Justin Gatlin (USA), Bolts vermeintlich stärkster Rivale im Endlauf um 19.50 Uhr, lief eine Zeit von 9,99 Sekunden.

10.000 Meter, Männer: Mo Farah bleibt der König der Langstreckenläufer: Ein Jahr nach seinem Double bei den Olympischen Spielen in London gewann der Brite auch bei der Leichtathletik-WM in Moskau über 10.000 Meter auf und beendete die Vorherrschaft der Äthiopier, die sieben der letzten acht WM-Titel gewonnen hatten. Farah siegte nach 27:21,71 Minuten vor Titelverteidiger Ibrahim Jeilan aus Äthiopien (27:22,23) und Paul Tanui aus Kenia (27:22,61). Damit ist Farah der erste Europäer seit 30 Jahren, der WM-Gold auf der längsten Bahn-Distanz mit nach Hause nimmt. Bei der WM-Premiere in Helsinki hatte der Italiener Alberto Cova gewonnen. Doch Farah will mehr: Am Dienstag stehen die 5000-m-Vorläufe an, dort hofft der gebürtige Somalier dann am Freitag erneut auf Gold - so wie bei seinen Olympischen Spielen 2012.

Die Chancen auf einen weiteren Erfolg in Moskau stehen glänzend, beinahe spielend dominierte Farah über die 25 Stadion-Runden. Die ersten 1200 Meter verbrachte der 30-Jährige am Ende des Feldes, 50 Meter hinter den Kenianern und Äthiopiern, die sich für die Schmach von London revanchieren wollten. Nach 2000 Metern spurtete Farah zum ersten Mal an die Spitze - ein Ausflug, der seinen Konkurrenten klarmachte: "Mit mir ist wieder zu rechnen - ich bin in Top-Form." Das Tempo diktierten jedoch die Afrikaner, allen voran der Kenianer Paul Kipngetich Tanui. Hinter ihm formierten sich seine Landsleute, gefolgt von den Äthiopiern um Jeilan.

Ein starkes Sextett, das bei Temperaturen von bis zu 30 Grad beständig Druck ausübte, das Tempo hochhielt, Farah jedoch nicht auslaugen oder gar abschütteln konnte. Wie ein Schachspieler verschob der Vater von Zwillingen seine Konkurrenten, setzte sich nach Belieben an die Spitze und verschleppte das Tempo. Aus der Führung heraus zog Farah den Sprint an. Als die Glocke die letzte Runde eingeläutet hatte, forcierte immer weiter das Tempo und revanchierte sich so für die WM-Niederlage vor zwei Jahren in Daegu/Südkorea. Damals hatte Ibrahim Jeilan den Endspurt für sich entschieden, Farah musste sich mit Silber zufrieden geben.

Marathon, Frauen: Nach einer taktischen Meisterleistung auf den Straßen von Moskau hat die Keniaerin Edna Kiplagat die erste Goldmedaille bei der 14. Leichtathletik-WM gewonnen. Die 33-Jährige verteidigte als erste Frau ihren Marathon-Titel, weil sie bei Temperaturen von mehr als 30 Grad zwei Stunden lang hinter Valeria Straneo hergelaufen war und damit Kraft sparte.

Die 37 Jahre alte Italienerin, die bis Kilometer 40 das Tempo bestimmt hatte, wurde mit Silber belohnt, Bronze ging an Kayoko Fukushi aus Japan. "Ich bin begeistert, dass ich meinen Titel verteidigt habe. Ich widme diesen Sieg meinem Ehemann, der mir die Zeit zum Trainieren lässt", sagte Kiplagat, "die Startzeit war schon etwas ungewöhnlich, weil ich die meisten Rennen morgens laufe, aber ich habe mich schon im Vorfeld darauf eingestellt."

Um 14 Uhr Ortszeit waren 70 Läuferinnen, darunter keine Deutsche, im Luschnkiki-Stadion auf die Strecke gegangen. Der Pulk hatte den Olympiapark noch nicht verlassen, da übernahm Straneo bereits die Führung, die sie bis Kilometer 40 nicht mehr hergab. Nach und nach fielen ihre Verfolgerinnen in der Gluthitze der Millionen-Metropole zurück, nach 32 Kilometern - der Rote Platz und der Kreml waren längst passiert - waren Straneo und Kiplagat alleine. Meselech Melkamu aus Äthiopien, die das Duo begleitet hatte, musste entkräftet aufgeben.

Bei Kilometer 40 setzte Kiplagat die entscheidende Attacke und legte einige Meter zwischen sich und Straneo. Zwar blieb die italienische Rekordhalterin über 42,195 Kilometer an der Favoritin dran, der Konter blieb allerdings aus - ihr fehlte durch die zehrende Tempoarbeit die Kraft. "Ich war zuversichtlich, dass ich das Rennen nach 40 Kilometern entscheiden kann, also habe ich das Tempo erhöht", sagte Kiplagat. Nach 2:25,44 Stunden lief die zweifache Mutter durchs Ziel und feierte ihren historischen Erfolg mit der kenianischen Landesflagge auf den Schultern. Straneo folgte mit Saisonbeleistung in 2:25,58 Stunden, Fukushi nach 2:27,45 Stunden.

Die wenigen Zuschauern auf den Rängen des Olympiastadions von 1980 klatschten Beifall. Überhaupt schienen die Russen kaum Interesse an der ersten Medaillenentscheidung ihrer Weltmeisterschaften zu haben. An der Strecke entlang der Moskwa standen nur wenige Schaulustige, selbst auf dem Roten Platz drängten sich kaum Menschen, um das Rennen zu verfolgen.

Olympiasiegerin Tiki Gelana war bereits früh ausgestiegen. Die Äthiopierin war nicht mehr in Form gekommen, nachdem sie beim London-Marathon im April von einem Rollstuhl-Athleten angefahren worden war und sich dabei verletzt hatte. Insgesamt mussten 24 Läuferinnen das Rennen vorzeitig beenden. Gelana verpasste die Chance, als erste Frau nach der Portugiesin Rosa Mota die Olympische oldmedaille und den WM-Titel gleichzeitig zu besitzen. Mota hatte 1987 die WM in Rom und 1988 bei den Sommerspielen in Seoul gewonnen.