Leichtathletik-WM in Moskau Bunte Fingerzeige gegen die Propaganda

Die Schwedin Emma Green-Tregaro solidarisiert sich mit Schwulen und Lesben und wird vom Leichtathletik-Weltverband gemaßregelt. Ein beunruhigendes Zeichen: Natürlich muss der Sport darauf achten, dass das Stadion nicht zum Nebenschauplatz wird. Aber es muss einen Unterschied geben, ob ein Sportler Werbung für Kriegsparteien betreibt - oder ob er sich für allgemeine Freiheitsrechte einsetzt.

Ein Kommentar von Thomas Hahn

Die wertvollste Leistung bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau hat nicht der Wundersprinter Usain Bolt vollbracht oder irgendein anderer goldgeschmückter Höchstleister - sondern die fünftplatzierte Hochspringerin Emma Green-Tregaro aus Schweden.

Denn sie hat die Verbände auf die Probe gestellt in einer allgemeinen Menschenrechtsfrage, die in einer aufgeklärten Gesellschaft keinen Raum für Kompromisse zulässt: Emma Green-Tregaro ist am Donnerstag im Qualifikationswettkampf zum Finale der besten zwölf mit Fingernägeln in den Regenbogenfarben angetreten; sie hat sich dadurch mit Schwulen und Lesben solidarisch erklärt, die sich in Russland nach dem Erlass eines neuen Gesetzes gegen die "Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen vor Kindern" mehr denn je diskriminiert sehen.

Es war die schlichte Aktion einer Athletin, die nicht nur als Komparsin eines betriebsblinden Sportgeschäfts funktionieren will. Und die Aktion hat sich aus zwei Gründen gelohnt. Erstens weil Emma Green-Tregaro damit das Thema Homosexualität in einen Raum getragen hat, in dem es immer noch ein Tabu ist. Zweitens weil ihre kleine Demonstration gezeigt hat, dass sich die Vermarkter von großen Sportereignissen tatsächlich gegen universelle Werte stellen, wenn sie durch diese ihre Athleten-Kunstwelt in Gefahr sehen.

Emma Green-Tregaro ist nicht bestraft worden vom Leichtathletik-Weltverband IAAF - das wäre ja auch noch schöner. Aber die IAAF hat klargemacht, dass das Signal der bunten Fingernägel ein Regelverstoß war - und schon das ist verstörend. Nach der IAAF-Satzung disqualifiziert sich für den Wettbewerb, wer ein Verhalten an den Tag legt, "das als beleidigend, ungebührlich oder nachteilig für die Interessen der Leichtathletik angesehen wird oder anderweitig den Leichtathletik-Sport in Verruf bringt".

Wenn die IAAF die bunten Fingernägel im Sinne dieser Regel zum Verstoß erklärt, sagt sie damit im Umkehrschluss, dass eine Haltung gegen die Diskriminierung einer gesellschaftlichen Minderheit nicht im Sinne der Leichtathletik ist. Und nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) ähnliche Regeln hat, darf man davon ausgehen, dass Emma Green-Tregaro auch bei den Wächtern der Olympischen Spiele schlecht angekommen wäre mit ihrem kleinen Zeichen.

Der Sport muss natürlich in der Tat darauf achten, dass das Stadion nicht zum Nebenschauplatz für die Auseinandersetzungen nationalistischer oder religiöser Eiferer wird. Aber es muss schon einen Unterschied geben, ob ein Sportler sich für allgemeine Freiheitsrechte einsetzt, die darauf abzielen, dass es in einer Gesellschaft am Ende mehr Menschen besser geht, weil weniger diskriminiert werden - oder ob er Propaganda für irgendwelche Kriegsparteien betreibt. Die großen Sportverbände machen diesen Unterschied offensichtlich nicht. Und das ist keine sehr beruhigende Perspektive, wenn man bedenkt, dass die Verbände von sich sagen, sie seien wirklich gute Kindererzieher.