Beinamputierter bei der Leichtathletik-WM Oscar Pistorius, der Inspirator

Der Hype ist gigantisch, sein Fall ist ein Gewinn für diese Welt: Als erster Mensch mit Behinderung stand Oscar Pistorius im Halbfinale einer Leichtathletik-WM. Dort ist er am Montag zwar gescheitert. Doch aus seinem Vorbild ziehen viele Menschen neue Kraft, vor allem jene, die selbst körperbehindert sind. Trotzdem wird Pistorius nie ganz unumstritten sein.

Von Thomas Hahn, Daegu

Oscar Pistorius inspiriert, das kann David Behre aus Leverkusen bestätigen. Behre ist vor vier Jahren unter einen Zug geraten, danach hatte er keine Füße mehr und musste sich an ein neues Leben gewöhnen. Er war 20, er war nicht bereit, sich von diesem Unfall in die Unbeweglichkeit treiben zu lassen, und die Bilder von Pistorius ermutigten ihn: Dieser Südafrikaner hatte eine Behinderung wie er, beidseitige Unterschenkel-Amputation, aber rannte so schnell, dass er es mit jedem aufnehmen konnte.

Läuft am Montag im Halbfinale über 400 Meter: Oscar Pistorius.

(Foto: Getty Images)

"Das will ich auch", dachte Behre: Heute ist David Behre selbst einer der besten Prothesenläufer der Welt, im Januar war er in Neuseeland bei den Weltmeisterschaften der Leichtathleten mit Behinderung hinter Pistorius Zweiter über 400 Meter.

Oscar Pistorius, 24, aus Pretoria, der am Sonntag im südkoreanischen Daegu als erster Mensch mit Behinderung ein 400-Meter-Halbfinale bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Nichtbehinderten erreicht hat, ist also nicht nur die Werbefigur für seine zahlreichen Sponsoren. Mit seinen Auftritten vermarktet er auch einen Sportsgeist, der über die Härten des Lebens hinweghilft.

Und so ist dieser Medien-Hype, der um ihn losgebrochen ist, durchaus ein Gewinn für eine Welt, in der laut Weltgesundheitsorganisation WHO zehn Prozent aller Menschen behindert sind. In Daegu drängeln sich Journalisten aus aller Welt um Pistorius, bei einer Pressekonferenz kam es fast zum Eklat, weil sein Schuh-Sponsor wegen Überfüllung nicht alle Medienvertreter in den Saal ließ. Das alles wegen eines behinderten Jungen - das gab es noch nie.

Pistorius wurde ohne Wadenbeinknochen geboren, als Kleinkind bekam er deshalb beide Unterschenkel amputiert. Zur Leichtathletik kam er mit 16 nach einer Knieverletzung, die er sich beim Rugby zugezogen hatte. Schnell wurde er zur Attraktion des Behindertensports, 2004 in Athen wurde er erstmals Paralympics-Sieger.

Doch Pistorius' olympische Ambitionen bekamen einen Dämpfer, als der Leichtathletik-Weltverband IAAF Ende 2007 nach einer Studie des Kölner Sportwissenschaftlers Gert-Peter Brüggemann entschied, ein Prothesenlauf sei mit einem Fußlauf nicht zu vergleichen, Pistorius dürfe bei offiziellen Nichtbehinderten-Meisterschaften nicht starten. Pistorius klagte, eine Studie aus Amerika widersprach den Kölner Ergebnissen und der Sportgerichtshof Cas in Lausanne gab ihm im Mai 2008 recht. Diesen Juli verbesserte Pistorius seine 400-Meter-Bestzeit auf 45,07 Sekunden und qualifizierte sich für die WM in Daegu.

Pistorius sagt: "Für mich war es wichtig, sicherzustellen, dass ich keinen Vorteil habe." Er kann gut reden, er beherrscht das Spiel mit den Medien. Die komplizierte Debatte um die Biomechanik seines Laufstils führt er eher oberflächlich, auch sein Trainer Ampie Louw sagt, ein Prothesenlauf sei nicht anders als ein Fußlauf. Aber der Energiefluss auf Prothesen ist wohl doch anders.

Bei seinem Lauf am Sonntag lag Pistorius erst klar zurück, ehe er in der zweiten Kurve scheinbar mühelos an seinen Rivalen vorbei und in 45,39 Sekunden ins Halbfinale federte. Oscar Pistorius wird nie ganz unumstritten sein. Aber er inspiriert, und darauf kommt es an.

Anmerkung: Am Montagnachmittag ist Pistorius als Letzter seines Halbfinal-Laufes ausgeschieden. Pistorius lief 46,19 Sekunden, mehr als eine Sekunde über seiner Bestzeit.