Von Thomas Hahn

Betty Heidler nutzt die Abwesenheit gedopter russischer Athletinnen zum knappen Sieg im Hammerwurf und zur zweiten deutschen Goldmedaille.

Wenn Yipsi Moreno wirft, sieht das für ihre Gegnerinnen immer so aus, als drohe ihnen ein Unheil. Besonders für Betty Heidler, die schon üble Bekanntschaft gemacht hat mit einem dieser weiten letzten Versuche, mit denen die Kubanerin ganze Wettkampf-Hierarchien durcheinanderbringen kann. 2004 in Athen bei den Olympischen Spielen hat Betty Heidler wegen Yipsi Moreno eine Medaille verloren, weil diese sich im letzten Augenblick noch auf Platz zwei schob. Heidler wusste also, was passieren konnte, als Moreno sich mit finsterem Blick für ihren letzten Einsatz bei der WM in Osaka bereit machte. Und als ihr Hammer tatsächlich weit flog, so weit ungefähr, wie Betty Heidler selbst im zweiten, ihrem besten Wurf, gekommen war, musste sie wegschauen. "Bitte lasst mir den ersten Platz", dachte sie und wusste doch, dass es nichts nutzte. Wenige Augenblicke später leuchteten die Zahlen zu dem Versuch auf der Anzeigetafel, die Yipsi Moreno ins Herz trafen und Betty Heidler für vieles entschädigten. 74,74 Meter, um zwei Zentimeter kürzer als Betty Heidlers 74,76 Meter. "Yipsi wird sich ärgern", sagte die neue Weltmeisterin.

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Die Geschichte dieses Titels hat schon viel früher begonnen. An dem Tag nämlich, an dem die Kontrolleure der Welt-Antidoping-Agentur Wada bei Tatjana Lysenko aus Bataisk, 23, im Schwarzmeerkurort Adler auftauchten, wo sie ihr Trainingslager abhielt. Es war am 9. Mai, wenige Tage bevor die Europameisterin aus Russland in Sotschi mit 78,61 Metern ihren nächsten Weltrekord aufstellte, und bestimmt dachte sie nichts Böses. Oder doch? Jedenfalls ging wenige Wochen später die Nachricht um die Leichtathletik-Welt, dass Tatjana Lysenko, eine der sichersten Gold-Wetten für Osaka, bei der Kontrolle eine Substanz im Körper gehabt hatte, die dort nicht hineingehörte: 6-Alpha-Methyl-Androstendion, ein Hormonblocker. Bei Lysenkos Trainingspartnerin Jekaterina Choroschich ergab sich der gleiche Befund. Die Nachrichtenlage war zunächst etwas unklar, erst hieß es, bei dem Mittel handle es sich gar nicht um Doping, dann wieder doch, dann gab es Anschuldigungen von Trainern in Russland.

"Jetzt ist sie weg vom Fenster"

Nur eines war klar: Tatjana Lysenko würde in Osaka nicht starten dürfen, und Betty Heidler aus Frankfurt, die schon lange mit großer Skepsis verfolgt hatte, was die Wunderwerferinnen aus Russland so treiben, müsste lügen, wenn sie sagen würde, sie hätte sich nicht für diese Nachricht interessiert. Lysenkos positiver Befund bedeutete für sie die Bestätigung dessen, was sie sich schon immer gedacht hatte. Es bedeutete für sie auch, dass sich ihr auf einmal eine ganz neue Chance eröffnete. "Es hat sich ein bisschen mein Bewusstsein verändert", sagte sie, als sie nun, wieder ein paar Wochen später, als neue Weltmeisterin im schlecht besuchten Nagai-Stadion stand. Und mit großer Zufriedenheit sagte sie über die Rivalin, die offenbar über ihren eigenen Ehrgeiz gestolpert war: "Jetzt ist sie weg vom Fenster."

Und so ist diese Geschichte der Weltmeisterin Betty Heidler, 23, auch die Geschichte einer jungen Frau, die sich erst befreien musste von den Zweifeln an Gegnerinnen, deren Stärke ihr fremd vorkam. Wobei Betty Heidler selbst natürlich immer davon ausgegangen ist, dass sie für ihre Zuhörer eine glaubwürdige Person ist, was insofern immer ein kleiner Widerspruch zu ihrer eigenen sportlichen Karriere war, als ihre Leistungssteigerungen ja auch ganz ordentlich ausfielen. Vor 2006 stand ihre Bestleistung noch bei 72,73 Metern, dann warf sie plötzlich den immer noch gültigen deutschen Rekord von 76,55. Und wenn sie sich mal wieder etwas weit aus dem Fenster gelehnt hatte mit ihren Gedanken zu den osteuropäischen Werferinnen, musste sie sich diesen Widerspruch auch immer wieder vorhalten lassen. Sie wird ihn nie ganz auflösen können.

Sie selbst findet es gerecht, dass sie jetzt da oben steht, und zwar nicht nur wegen der Sache mit den Russinnen. Was große Meisterschaften angeht, hat sie die ganze Bandbreite der Erfahrungen durchspielen dürfen. Sie war schon 2003 bei der WM in Paris dabei, als hoffnungsvolles Talent in einer Sportart, die erst 2000 olympisch geworden war und deswegen gute Aufstiegschancen für junge, schnellkraftbegabte Frauen bot. Elfte wurde sie damals, was für eine Debütantin schon eine Errungenschaft bedeutete. Es folgte Olympia 2004, mit dem traurigen Ausgang, der aber doch ein Erfolg war, und im Jahr darauf eine lehrreiche Niederlage bei der verregneten WM in Helsinki. "2005 bin ich erstmal ins Loch gefallen", sagt sie, und sieht das Missgeschick heute versöhnlich: "Aus Niederlagen lernt man mehr als aus Siegen, weil man da was verändert."

Zwei Zentimeter können wehtun

Insofern war das Jahr darauf schwer einzuordnen, sie gewann nicht, aber verlor auch nicht: Platz fünf bei der EM in Göteborg. Es gewann Tatjana Lysenko, die dazu aber ausnahmsweise keinen neuen Weltrekord aufstellte, sondern ihre Konkurrenz mit 76,67 Metern distanzierte. Damit wäre sie in Osaka auch Weltmeisterin geworden. Betty Heidler macht sich nichts vor. "Wenn sie hier gewesen wäre", sagt sie, "wäre das Ergebnis anders ausgefallen."

Betty Heidler mochte diesen Konjunktiv. Irgendwie war es ja immer der Plan gewesen, einmal dort oben zu stehen. Schon als sie mit 18 von Berlin nach Frankfurt zog, um die Sache mit dem Hammerwurf unter Trainer Michael Deyhle und als auszubildende Bundespolizistin ernster anzupacken. Junge Disziplinen wecken nunmal Begehrlichkeiten. Nun war sie angekommen. Yipsi Moreno wirkte noch etwas geknickt, als sie später bei der Pressekonferenz neben Betty Heidler saß. "Ich bin nicht ganz glücklich", sagte sie. Zwei Zentimeter können wehtun. Die Deutsche war ihr Unheil an diesem Tag.

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(SZ vom 31.8.2007)