Leichtathletik "Verstörende Signale"

Novum in der deutschen Leichtathletik: Obwohl der Mittelstreckenläufer Florian Orth die Norm für die Hallen-EM erfüllt hat, verzichtet der 27-Jährige auf einen Start - auch als Protest gegen den eigenen Verband.

Von Johannes Knuth

Am Dienstag stand Florian Orth schon wieder in der Zahnarztpraxis, Bohren, Polieren, der Nächste, bitte! Der 27-Jährige arbeitet 20 Stunden die Woche im Betrieb der Eltern in Treysa, auch, um sich seinen Beruf als Mittelstreckenläufer zu leisten. Die vergangenen Wochen waren eng getaktet, wie immer, drei Wochen Trainingslager in Südafrika, kurz darauf die deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig. Orth sicherte sich dort die Versetzung zur Hallen-EM nach Belgrad, am Wochenende wollte er in die serbische Hauptstadt reisen. Daraus wird nun aber nichts. Wegen "muskulärer Probleme", wie Orth jetzt in einem offenen Brief schrieb, vor allem aber: "Nach dem Hin und Her, den verstörenden Signalen in Leipzig".

Das Hin und Her begann in den vergangenen Monaten, vor der Hallen-EM

Deutsche Leichtathleten, die über verpasste Normen klagten, gab es in der Vergangenheit häufig. Leichtathleten, die trotz Norm auf ein Großereignis verzichten, aus Protest - das ist neu.

Das Hin und Her, schildert der mehrmalige deutsche Meister, begann in den vergangenen Monaten, vor der Hallen-EM. Der Deutsche Leichtathletik-Verband schafft sich oft strengere Normen als die der internationalen Ausrichter; die Athleten sollen die Finalkämpfe erreichen, mindestens. Er verengt auch die Räume, in denen die Athleten diese Nachweise erbringen müssen. Orth pochte nun darauf, für die Hallen-EM auch Leistungen aus dem Vorjahr einreichen zu dürfen, wie es der europäische Verband gestattet. Der DLV willigte ein, auch, weil schnelle Rennen auf der Mittelstrecke rar sind. Orth war mit seinen 7:51,04 Minuten von 2016 also für die 3000 Meter qualifiziert, eigentlich.

Als Orth bei den Hallenmeisterschaften in Leipzig eintraf, stand ihm dennoch ein ambitioniertes Programm bevor. Hätte ihn die nationale Konkurrenz über 3000 Meter überboten, wäre er raus gewesen aus der Reisegruppe für Belgrad; im Zweifel zählt die frischere Leistung. Er wirkte also erst über 3000 Meter mit, wurde Zweiter, in der langsameren Normzeit des europäischen Verbands. Das reichte dem DLV nicht. Er forderte einen Auftritt über 1500 Meter, damit der 27-Jährige seine schnellere, deutsche Normzeit aus dem Vorjahr bestätigt. Orth sei ja bekannt gewesen, dass neben der Meisterschaft auch der Saisonverlauf zählt, sagte Idriss Gonschinska, Direktor Sport im DLV am Dienstag; Orth habe vor Leipzig ja keine Hallen-Rennen bestritten. "Unsinnig", findet Orth, mit Blick auf den Sommer. Er schaffte zwar den Nachweis, litt dann aber unter muskulären Problemen. "Ich weiß nicht, woher ein Verband hier die Arroganz nimmt, härtere Normen zu verlangen, wenn er die betreffenden Athleten kaum noch fördert", schreibt er. Überhaupt habe ihn das Binnenklima in Leipzig gestört. Ob er in Belgrad starten wolle, nach dem Hin und Her? "Gefragt worden bin ich nie." Gonschinska sagt auf Anfrage, er habe André Höhne, der den bei den Läufern umstrittenen Wolfgang Heinig als Teamchef für die Langstrecke abgelöst hat und in Leipzig mit Orth redete, als "sehr sozial kompetenten Trainer erlebt. Das neue Trainerteam benötigt natürlich Zeit, sich zu entwickeln." Und jetzt?

Orths Frust wurzelt ohnehin tiefer. Der Läufer, der für die LG telis finanz Regensburg startet, war bis 2016 im sogenannten Top Team des DLV eingegliedert. Den Mitgliedern fließen dort Förderströme der Deutschen Sporthilfe zu, sie kriegen ihren Verdienstausfall erstattet, wenn sie statt in der Zahnarztpraxis im Stadion unterwegs sind. Für 2017 fiel Orth aus Top Team samt besserer Förderung. Er war bei Olympia in Rio zwar ein couragiertes Rennen über 5000 Meter gelaufen, doch in Rio war es schwül und warm, zu warm für schnelle Zeiten. 2017, vor der WM in London, muss Orth nun etwa Urlaub nehmen, wenn er zu Wettkämpfen reist. Der DLV schlug ihn nicht mehr für die bessere Förderung bei der Sporthilfe vor. "Weil es die Kriterien nicht hergeben", sagt Gonschinska. Das neue Spitzensportkonzept von Bund und DOSB fordert, dort Athleten mit Medaillenpotenzial zu bevorzugen. So kommen laut Gonschinska noch rund 27 Prozent aller Kaderathleten in der Leichtathletik infrage; früher waren es rund 50 Prozent. "Für größere Sportarten mit vielen Kaderathleten nicht unkritisch", sagt Gonschinska. Man habe "auch ein Förderprojekt für den Laufbereich beantragt, zusätzlich zu dem Förderkontingent der individuell unterstützten Leichtathleten".

So ist Orths Geschichte nicht nur eine, in der Ansichten von Verband und Athlet nicht zusammenpassen. Sie erzählt auch, wie ungemütlich es für die Mittelschicht werden könnte, wenn der Sport jetzt vor allem Medaillen bei Großevents heben will. Er habe eines seiner besten Jahre hinter sich, sagt Orth, sei in puncto Förderung aber dem Amateurtum näher. Was für fürs Erste bedeute, dass er für einen Verband, der ihn nicht respektiere, "und ein Land, das mich nach meinem besten Jahr 2016 dank Spitzensportreform sowohl für Trainingslager, Sporthilfe als auch Verdienstausfall in meiner dualen Karriere nicht mehr für förderungswürdig hält, vorerst nicht mehr an den Start gehen möchte".