Leichtathletik Schwarz und schnell

Seit Jahren werden sowohl Sprintwettbewerbe als auch Mittel- und Langstrecken von afrikanischen und afro-amerikanischen Läufern dominiert. Ein Erklärungsansatz, weshalb die Weißen meist hinterherlaufen.

Von Von Constance Holden

Einer der Stars der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko war ein Kenianer. Kip Keino stellte damals einen Weltrekord im 1500-Meter-Lauf auf. Jahr um Jahr haben seine Landsleute seitdem ähnlich verblüffende Leistungen gezeigt. Kenianer halten die Rekorde im 3000-Meter-Lauf ebenso wie in den 15-, 20- und 25-Kilometer-Straßenrennen, im Halb-Marathon und im Marathon. Auch kenianische Frauen haben fünf der zehn besten Marathon-Zeiten erzielt und halten Weltrekorde über 20, 25 und 30 Kilometer.

Die meisten dieser Sportler kommen aus einer kleinen Region in Kenias Rift Valley und gehören zu einer Gruppe von Stämmen mit drei Millionen Menschen. Es gibt viele Theorien, die diese bemerkenswerte Konzentration der Weltrekorde zu erklären versuchen: Ist es das Training in der Höhe, ist es die auf Mais basierende Ernährung oder liegt es daran, dass die Kinder zur Schule rennen?

Nicht nur die Ostafrikaner geben Forschern Rätsel auf. Sie fragen sich auch, warum die schnellsten Sprinter der Welt aus Westafrika stammen. Von dort kommen nämlich die Vorfahren der meisten schwarzen Amerikaner, sie wurden aus Regionen wie dem heutigen Nigeria oder Liberia verschleppt. Menschen mit dieser Abstammung halten 494 der 500 schnellsten Zeiten, die jemals im 100-Meter-Sprint gelaufen wurden, wie Jon Entine in seinem Buch "Taboo" über die Dominanz schwarzer Athleten schreibt.

Die Kunst, der Erschöpfung zu widerstehen

Dem Geheimnis der Kenianer hat sich Bengt Saltin gewidmet, ein schwedischer Physiologe, der das Kopenhagener Zentrum für Muskelforschung leitet. In den neunziger Jahren hat sein Team Läufer aus Kenia und Skandinavien verglichen - und nach und nach die meisten bisherigen Erklärungsversuche ausgeschlossen. Die Höhe ist nicht der Grund für die überragenden Leistungen, weil es keinen Unterschied zwischen Afrikanern und Nordeuropäern beim Sauerstoff-Verbrauch gibt. Die Ernährung ist kein Schlüssel zum Erfolg, denn Kenianer erreichen ihre Leistung eher trotz als wegen ihres Essens. Und schließlich sind kenianische Kinder körperlich nicht aktiver als kleine Dänen, was die Hypothese vom Rennen zur Schule ausschließt.

Interessant aber ist die Fähigkeit afrikanischer Läufer, der Erschöpfung zu widerstehen. Milchsäure, die in ermüdeten, unterversorgten Muskeln entsteht, sammelt sich in ihrem Blut langsamer an als bei Weißen. Die Ostafrikaner besitzen mehr von einem Enzym, das die Milchsäureproduktion bremst und den Abbau beschleunigt. Saltin zufolge können die Kenianer deshalb "ungewöhnlich gut" Fettsäuren verbrennen und so mehr Energie aus den biochemischen Reaktionen ihrer Muskeln herausholen. Mit der gleichen Sauerstoffmenge laufen sie zehn Prozent weiter als Europäer.

Außerdem hilft der Körperbau. Verglichen mit Dänen haben Kenianer im Mittel 400 Gramm weniger Fleisch auf den Waden. Saltins Gruppe hat errechnet, dass ein Läufer, der an den Knöcheln 50 zusätzliche Gramm schwingt, ein Prozent mehr Sauerstoff verbraucht. Die Kenianer sparen somit acht Prozent Energie - Kilometer für Kilometer.

Dagegen sind die westafrikanischen Sprinter nicht so gut erforscht. Einige Studien haben gezeigt, dass sie dichtere Knochen, weniger Fett, schmalere Hüften, längere Beine, dickere Oberschenkel und leichtere Waden als Weiße haben. Von den Ostafrikanern unterscheiden sie sich noch stärker: Sie wiegen rund 30 Kilogramm mehr, und ihre Muskeln sind auch anders aufgebaut. Westafrikaner besitzen zu 67 Prozent so genannte schnelle Muskelfasern, während es bei Weißen um die 60 Prozent sind. Saltin bescheinigt den Kenianern 90 Prozent der langsamen, ausdauernderen Faser.

Ein weiterer Faktor scheint die Energieversorgung zu sein. Claude Bouchard von der Louisiana State University hat zwei Enzyme untersucht, die bei Westafrikanern aktiver waren: Dadurch konnten sie mehr ATP erzeugen. Mit dieser Substanz decken die Muskeln ihren Energiebedarf, wenn der Sauerstoff beim Sprint nicht ausreicht.

Die Gabe der Sportler von beiden Küsten Afrikas hat zweifellos auch genetische Ursachen. Bouchard hat DNS-Proben von 400 Läufern und anderen Ausdauer-Sportlern gesammelt, bisher jedoch noch keine "Lauf-Gene" gefunden, wie er sagt. Es gibt aber einige faszinierende Hinweise, zum Beispiel auf alpha-Actinin-3. Für dieses Protein, das nur in den schnellen Muskelfasern vorkommt, gibt es zwei Genvarianten. 18 Prozent einer Gruppe von weißen Testpersonen hatte die weniger effiziente Version des Enzyms, 26 Prozent der Ausdauer-Sportler, aber nur sechs Prozent der Sprinter.

Währenddessen untersucht Alejandro Lucia Mulas von der Europäischen Universität Madrid an Läufern aus Eritrea verschiedene Versionen des Gens für das Enzym ACE (Angiotensin Converting Enzyme). Er sagt, die weniger aktive Version gehe einher mit kleineren Muskeln und sei bei Ausdauersportlern weiter verbreitet.

Die Erklärungsversuche werden nicht überall kritiklos aufgenommen. Es gehe aber auch nur um kleine Differenzen, verteidigt der Anthropologe und Sportwissenschaftler Robert Molina von der Michigan State University die Funde: "Die Unterschiede zwischen Elitesportlern sind ziemlich klein, wenn man auf den Körperbau oder die Muskelfasern schaut - also auf genetisch bedingte Abweichungen. Aber sie werden im Hochleistungssport sehr bedeutsam." Schließlich machen die Unterschiede zwischen dem ersten und dem vierten Platz oft auch nur Prozente aus.

Weitere Information: www.scienceonline.org, www.aaas.org.